Warum Indiana Jones 4 zu Unrecht gehasst wird


Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels
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Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels
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Meint es gut mit den Menschen.

Diese Verteidigung haben wir bereits zur Ankündigung des fünften Indiana-Jones-Teils am 24. März 2016 veröffentlicht. Heute, 10 Jahre nach dem Start von Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels, ist er der Artikel noch immer aktuell.

Mit der Silhouette seines Helden begann der erste Film um Indiana Jones und die Jäger des verlorenen Schatzes. Zu sehen gab es erst einmal nicht viel: Einen Mann mit Filzhut und etwas, das wie eine Peitsche aussah. Statt rückwärts zugewandt zeigten die nächsten Einstellungen ihre überhöhte Gestalt von der Seite, aber noch immer als einen dunklen Umriss, der sich mühsam durch Dschungelgestrüpp kämpft. Es folgte eine Vorderansicht auf Hände, die Giftpfeile inspizieren und Schatzkarten lesen, und erst nach drei bedeutungsschwangeren Minuten kam die erlösende Großaufnahme des nun in Gänze aus seinen schattigen Konturen tretenden Harrison Ford. Hätten Steven Spielberg und George Lucas damals ahnen können, dass der nicht eben bescheidene Kinoauftritt des Indy getauften Helden ihnen später auch viel Häme (und eine sehr garstige Folge South Park) einbringen würde?

Als der frame by frame konstruierte filmische Mythos dieser Eröffnungssequenz acht Jahre später wieder zerlegt werden sollte, kehrte Spielberg jedenfalls zu dessen Anfangspunkt zurück. Indiana Jones und der letzte Kreuzzug endete mit dem Bild der mittlerweile fest im Titel verewigten Figur, die so von der Leinwand verschwand, wie sie sie zuvor betrat: Als Silhouette in gleißendem Licht. Nicht allein ästhetisch war die zwischen 1981 und 1989 gedrehte Indiana-Jones-Trilogie damit in sich geschlossen. Sie erzählte von einem Archäologieprofessor, der verloren geglaubte Reliquien aufspüren, sie gegen Nazis oder Tempelführer verteidigen und an sichere Bestimmungsorte bringen musste. Und sie erzählte – sentimental wie Spielberg nun einmal ist – auch von der gleichfalls verloren geglaubten Liebe zum Vater, die sich nur als größter aller Schätze erweisen konnte.

Gummischlangen ja, Computeraffen nein

Jedem Versuch einer Neu- oder Weitererzählung der Geschichte wäre der Vorwurf eines Einschnitts in ebendiese Geschlossenheit gemacht worden – schon deshalb, weil der dritte und lange Zeit letzte Film seit jeher als fan favourite gilt. Dass man Spielberg und seinem Ideengeber Lucas die 2008 erschienene Fortsetzung Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels also ausgestellt übel nahm, hatte nicht nur mit deren vermeintlichen oder tatsächlichen Schwächen zu tun (über die man bei ihren Vorgängern noch großzügig hinwegzusehen bereit war). Sondern sie schien an der filmischen Sozialisation von Menschen zu rühren, die Indiana Jones offenbar für Citizen Kane halten. Wenn die Stunde der weinenden Nerds schlägt, will die Schöpfung gegen ihre Schöpfer verteidigt werden. Das musste nach George Lucas auch sein Freund Steven Spielberg erfahren.

Empört verständigte man sich vor allem darauf, den von der Originaltrilogie angestimmten und folglich ins Sequel hinübergeretteten pulpigen Tonfall mit seinen entsprechend absurden Noten hier plötzlich disparat zu nennen. Einen Indiana Jones, der Atomexplosionen im durch die Lüfte wirbelnden Kühlschrank entkommt, wollte man auf einmal alberner finden als einen Indiana Jones, der sich wider Willen Autogramme von Adolf Hitler geben lässt. Und computergenerierte Affen sollten nun aus irgendeinem Grund doofer sein als die Gummischlangen oder Miniatur-Loren der Vorgänger. Auch interdimensionale Wesen, die Maya-Tempeln einen außerirdischen Anstrich verleihen, schienen angesichts zuvor hochseriös verhandelter Sujets wie der Gesichter zum Schmelzen bringenden Bundeslade oder der Suche nach dem Heiligen Gral vollkommen unverzeihlich.

Geschichte als Filmgeschichte

Dass Steven Spielberg und George Lucas ihren von zeitgenössischem Humbug erzählenden Indiana-Jones-Filmen also eine Fortsetzung hinterherschickten, die genau das schlicht 20 Jahre später ebenfalls tat, sorgte für Entrüstung unter Indy-Fans: Den nationalsozialistischen Okkultismus, um den sich die in den 1930ern verorteten ersten Teile drehten, schienen demonstrativ enttäuschte Fans der Filme allen Erntes für plausibler zu halten als die Themen (Atomhysterie) und Schauplätze (Area 51) des nun im Jahr 1957 angesiedelten vierten Films. Obschon die Frage, was denn Indiana Jones 4 anderes hätte tun sollen, als seinen sichtlich gealterten Helden gegen sowjetische Kommunisten (statt erneut gegen Nazis) antreten zu lassen, ebenso unbeantwortet blieb wie der Einwand, welche übernatürliche Faszination die amerikanischen 1950er-Jahre, in denen der Film so oder so hätte spielen müssen, außer ihres allgegenwärtigen Ufo-Kults aufzubieten hatten.

Wer sich nicht um den Spaß am freilich derangierten Blick auf eine vergangene Zeit (und damit – wie immer bei Spielberg – auf ein vergangenes Kino) bringen ließ, dürfte in der Tat Schwierigkeiten gehabt haben, sich eine andere Fortschreibung des Charakters überhaupt nur vorzustellen. Denn wie seine Vorgänger begreift der vierte Indiana Jones Geschichte zu allererst als Filmgeschichte, und wie sie ist er von einer zwangsläufig übers Ziel hinausschießenden Spielwütigkeit getrieben, die sich noch im unwahrscheinlichsten Moment eine kindliche Naivität zu bewahren versucht. Darauf verweist schon der Beginn des Films, der das bekannte Paramount-Logo nicht wie anno 1981 in einen tatsächlichen Berg, sondern den kleinen Bodenhügel niedlicher Erdhörnchen übergehen lässt. Und möchte man einem Film, der Selbstanspruch- und Wahrnehmung so buchstäblich niedrig ansetzt, ernsthaft böse sein?

Eine gigantische Wiedergutmachungsmaschine

Vielleicht kann man die breite Ablehnung gegenüber Indiana Jones 4 besser verstehen, wenn man sie ins Verhältnis zur anderen großen Rückkehr einer von Harrison Ford gespielten Kultfigur setzt. Die positiven Reaktionen auf Star Wars: Episode VII - Das Erwachen der Macht demonstrierten eindrücklich die Wirkungslosigkeit von Franchise-Erneuerungsversuchen, wenn sie nicht die Bedingungen eines Rückgriffs auf Nostalgie erfüllen: Mit dem Segen des Fandom hob der Film eine Art Star Wars Cinematic Universe aus der Taufe, das als gigantische Wiedergutmachungsmaschine beinahe parodistische Züge trägt. Sie macht, was schon einmal gemacht wurde, und sie versöhnt das Fandom irrigerweise mit den vorherigen Bemühungen des Star-Wars-Schöpfers, eben genau das nicht zu tun.

Falls der jetzt ebenfalls bei Disney beheimatete Indiana Jones 5 ähnliche Wege beschreiten sollte, würde sich erneut eine weitergedachte Idee von George Lucas nicht gegen den Wunsch ihrer Fans durchsetzen können, alles bequem beim Alten zu belassen. Steven Spielberg, der für die Regie des 2019 geplanten Sequels bestätigt wurde, dürfte daran zwar sicherlich kaum Interesse haben. Doch steht mit Indiana Jones 5 vorerst ein Film zu befürchten, der Fehler wird ausbessern wollen, die nie welche waren. So lange sich eine in den Achtzigerjahren zusammengebraute Cinephilie als derart widerstandsunfähig gegenüber selbst kleinsten Abweichungen vom Bekannten erweist, kann man die Geschlechter von Geisterjägern gar nicht oft genug ändern. Das Kino braucht in Kühlschränken vor Atomexplosionen davon schlitternde Schatzsucher dringender denn je.

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