Zum 30-jährigen Jubiläum von Dirty Dancing


Dirty Dancing
© Concorde
Dirty Dancing
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Meint es gut mit den Menschen.

Zu Klassikern werden Filme aus willkürlichen Gründen, manche nachvollziehbar und manche rätselhaft, feste Kriterien gibt es dafür nicht. Filmklassiker überdauern die Zeit, allenfalls das lässt sich pauschal sagen. Sie werden fortlaufend gesehen oder auch neu entdeckt, am Leben erhalten oder erst einmal mit Leben gefüllt. Generationen von Kinogängern wie Kinomachern folgen ihren Spuren, und die Herausforderung besteht vielleicht darin, diese Spuren lesen und irgendwie nutzbar machen zu können. Filmklassiker sind andererseits nicht automatisch richtungsweisend, originell müssen sie schon gar nicht sein. Ein altbewährtes Prinzip kann sich als Erneuerung verkaufen, etwas offenbar Bahnbrechendes durch bekannte Linien schlängeln. Auch Glück und Zufall schreiben die Filmgeschichte fort, machen kleine Details plötzlich den großen Unterschied. Es gibt Kassenerfolge, über die kein Mensch mehr spricht, und kommerzielle Flops, deren künstlerischer Einfluss auf das Kino kaum zu ermessen ist. Die Bedingungen der Filmklassikerwerdung scheinen undurchsichtig ausgehandelt. Am Ende bleibt ein Fußabdruck, der andere überragt.

Dirty Dancing ist kein Klassiker, der aus dem Nichts kam. Entstanden ist er in der Spätphase eines neuen Tanzkinos, das geprägt war von der Modernisierung durch Nur Samstag Nacht (1977) und Filme wie Flashdance, Breakin' oder Footloose. Mit sozialem Bewusstsein verhandelten sie Ausbruchs- und Selbstverwirklichungssehnsüchte junger Menschen, denen es trotz gesellschaftlicher Widerstände gelang, sich ins persönliche (Liebes-)Glück zu tänzeln. Inhaltlich gab es zwischen Dirty Dancing und den seinen keine wesentlichen Unterschiede, auch hier ging es um ein junges Paar, das Klassengräben überwindet und im Tanzen sich selbst enteckt. Allerdings nutzte der Film einen entscheidenden historischen Rückgriff. Zeitgenössische Begehrlichkeiten der in den 1960er Jahren spielenden Geschichte verpflanzte er in eine auf sicheren Abstand gebrachte Ära, bei der autoritäre Schranken nostalgisch heruntergelassen – und Adoleszenzrebellionen als Echos elterlicher Ängste vor jugendlichem Kontrollverlust reinszeniert werden konnten. Dirty Dancing wurde auch deshalb zum populärsten Tanzfilm jener Jahre, weil er sich an mehr als nur eine Altersgruppe richtete.

Diese zeitliche Umschichtung gestattete ihm versöhnliche Töne, geschickt bringt der Film gegenwärtige mit vergangenen Lebensgefühlen erst in Konflikt und dann in Einklang. Baby (Jennifer Grey), deren Voice-over zu Beginn eigene Empfindsamkeiten artikuliert ("Es war das Jahr, in dem ich zum Friedenskorps wollte und dachte, ich würde nie so einen tollen Typen wie meinen Vater finden."), muss sich weder von ihren Eltern abwenden noch heimlich mit dem aus prekären Verhältnissen stammenden Tänzer Johnny (Patrick Swayze) durchbrennen. Stattdessen erhalten das Mädchen und sein Junge am Ende den Segen des Vaters, der den eigentlichen Wunschschwiegersohn abblitzen lässt. Ausschlaggebend für diese Harmonisierung intergenerationeller und moralischer Gegensätze ist der Subplot des Films, der von einer illegal vorgenommenen Abtreibung bei Johnnys Tanzpartnerin Penny erzählt. Obwohl Babys Vater diese Entscheidung ablehnt, leistet der Arzt medizinischen Beistand und würdigt das Verantwortungsbewusstsein seiner hilfsbereiten Tochter. "Wenn du mich liebst, musst du alles an mir lieben", fordert Baby ihn auf. Dirty Dancing dürfte Teenager und Eltern 1987 gleichermaßen zu Tränen gerührt haben.

Bis heute ist der breite Erfolg des Films – im Kino, wo er über 200 Millionen Dollar einnahm, auf Video, das sich verkaufte wie keines zuvor, als Soundtrack, der die internationalen Charts anführte – von Relativierungen begleitet, die seine Popularität geschlechtsspezifisch ein- bzw. abzugrenzen versuchen. Dirty Dancing soll begriffen werden als Publikumsspalter, den Frauen lieben und Männer durchleiden – sogar affirmative Texte nennen ihn den "ultimativen Mädchenfilm". Wäre diese Kategorisierung wertfrei gemeint, ließe sie sich vielleicht als sinnlose Mühe abtun, auch im Kino alles sortieren und beschriften zu wollen. Meist geht es jedoch darum, Kinohits wie Titanic oder Twilight als scheinbar auf ein weibliches Publikum beschränkte Phänomene zu isolieren und nicht ernst zu nehmen, weil sie Sache von Frauen seien. Das ist ziemlich dumm. Und es ist auch mindestens so falsch wie jenes in der deutschen Synchronisation von Dirty Dancing erfundene Zitat "mein Baby gehört zu mir", mit dem Johnny im Original das genaue Gegenteil meint. "Nobody puts Baby in a corner", heißt es dort. Niemand schiebt Baby beiseite. Ein Aufruf zur Selbstermächtigung, nicht die Inbesitznahme einer Frau durch ihren Mann.

In der anhaltenden Beliebtheit des Films zeigt sich umso mehr, dass Dirty Dancing ein überaus widerstandsfähiger Klassiker ist. Er hat nichts eingebüßt von Charme und Chemie seiner damals weitgehend unbekannten Hauptdarsteller, die sich angeblich kaum ausstehen konnten. Der ewig unterschätzte Patrick Swayze, dessen robuste Sanftmütigkeit vor allem in Actionrollen einen Kontrapunkt zum Markigkeitsideal jener Zeit setzte, und die wunderbar ungekünstelte Jennifer Grey, deren Karriere aus den leider denkbar blödesten Gründen nie Fahrt aufnehmen wollte, geben ein unwiderstehliches Paar ab. In ihren gemeinsamen Momenten macht Dirty Dancing tatsächlich Glauben, durchs Tanzen ließen sich ideologische Mauern einreißen. Anders als manchen Wegbereitern geht es dem Film nicht um ausgestellte Tanzakrobatik und körperliche Selbstoptimierung, sondern eine romantische Utopie der rhythmischen Bewegung per se. Auf amüsante Weise veranschaulicht die so legendäre wie zigfach parodierte Szene, in der Johnny und Baby für eine Hebefigur am See trainieren, dass Tanzen zwar nicht ohne Technik funktioniert. Aber ins Schweben eben nur gerät, wer auch loszulassen bereit ist.

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