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Unterwegs auf dem 13. filmPOLSKA-Festival in Berlin


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© C.Judersleben
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Wahrhaftigkeit im Dokumentarischen

Mit der Wahl des Eröffnungsfilms bekunden die Festivalkurator*innen wie schon letztes Jahr ihre Liebe zum Dokumentarfilm: In Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet versucht DER PRINZ UND DER DYBBUK dem Mysterium des Regisseurs Michal Waszynski auf die Spur zu kommen. Die effektive Montage ist die große Stärke des Films: der Wechsel zwischen Hollywood-Glanz, Aufnahmen vom Krieg und dem Holocaust erzeugt eine bedrückende Intensität. Als Regisseur hat Waszynski Seite an Seite mit Stars wie Audrey Hepburn oder Sophia Loren gedreht. Doch jahrelang fühlt er sich schuldig für seine Abkehr vom jüdischen Glaube, muss mit dem schmerzlichen Verlust der ganzen Familie im zweiten Weltkrieg leben und sucht gleichzeitig nach seiner eigenen Identität als homosexueller Künstler. Der Dybbuk selbst, ein jüdischer Totengeist, spukt dabei als widerkehrendes Element durch den Film. Begleitet von auf jiddisch vorgetragenen Tagebucheinträgen wird das ganze Ausmaß der inneren, geheimen Verwzeiflung Waszynskis deutlich. Die Regisseurin Elwira Niewiera, zur Eröffnung ohne ihren Kollegen Piotr Rosolowski anwesend, warnt vor der beängstigenden Aktualität ihrer Dokumentation.

Das Sozialdrama PLAYGROUND weißt ebenfalls eine oft dem Dokumentarfilm vorbehaltene Präzision in seiner Darstellung sozialer Lebenssituationen auf. Die Wahl, den Beitrag ins Programm und sogar in den Wettbewerb aufzunehmen ist mutig, gehört der Film doch nicht nur den Kuratoren zufolge zu den „kontroversesten Filmen des Jahres“. Der Weg dahin erfolgt in oft statischen Beobachtungen dreier Jugendlicher, durch anonyme Plattenbauten und Eigenheimsiedlungen, den tristen Schulalltag und unterschiedlichen sozialen Herkünften. Immer wieder blitzen kurze Gewalteruptionen auf, doch nichts bereitet den Zuschauer auf die letzten 20 Minuten vor. Es wird nicht nach Erklärungsansetzen oder Verhaltensinterpretationen gesucht, um die finale Tat begreifbarer zu machen. Vielleicht sollten die Festivalbesucher*innen vorher wissen, mit welch wahrem Verbrechen sie hier konkret konfrontiert werden. Ob man das so zeigen kann, darf bzw. sollte ist mir nicht eindeutig klar, künstlerisch wertvoll und emotional nachhaltig sind die 80 Minuten jedenfalls.

Politisches Bewusstsein

Der erstarkende Nationalismus Polens sowie der manifestierte Rechtsruck der Regierung 2015 sind natürlich Teil der derzeitigen Filmlandschaft. Wie die Auswirkungen für junge, kritische, reflektierende Filmemacher und die Förderung ihrer Filme im Detail aussehen, kann man nur mutmaßen. Den wohl spannendsten Film zur Thematik, ONCE UPON A TIME IN NOVEMBER, welcher die rechtsradikalen Übergriffe in Warschau 2013 thematisiert, konnte ich leider aufgrund nur zwei verfügbarer Screenings in der Spätschiene nicht sichten.

THE MAN WITH THE MAGIC BOX enttäuschte jedoch mit Hinblick auf die Ankündigung im Programmheft, einer der politischsten Filme der jüngeren Filmgeschichte Polens zu sein. Weder schafft der Film es eine eigenständige Optik zu entwickeln, zu viel wirkt hier angelehnt an die Werke von Terry Gilliam oder gar Ridley Scotts Klassiker Blade Runner, noch wird die dystopische Zukunftsvision Warschaus für den Zuschauer greifbar. Die Bedrohung durch die Staatsmacht bzw. kriegsähnlichen Zuständen wirkt seltsam unkonkret und wird beliebig an Überwachung und Bewusstseinskontrolle mithilfe altbekannter Klischees fest gemacht. Da fällt die an sich oberflächliche Entwicklung der Liebesgeschichte noch annehmbar aus, bleibt sie dank des Spiels mit verschiedenen Zeitebenen durchaus packend und damit der einzig wirklich Fixpunkt in diesem unfokussierten Science-Fiction-Drama.

Auch STILLE NACHT (Chica Noc), dem großen Gewinner des polnischen Filmpreises, hätte man ein politisches Bewusstsein, einen kritischen Blick in die Gesellschaftsschichten des aufkeimenden Nationalismus gewünscht. Das großartig gespielte Ensemblestück begleitet Adam auf seiner Rückkehr aus Holland ins ländliche Polen zu Heiligabend und handelt dabei von verschiedenen Lebensentwürfen, Landflucht und polnischer Tradition. Den Zuschauern wird eine klare Identifikationsfigur verwehrt, selbst Adam wird dabei sehr angenehm überraschend als egoistischer, manipulativer und sich selbst belügender Heimatloser dargestellt. Der Blick auf das Konstrukt der provinziellen polnischen Familie fällt jedoch vollkommen unpolitisch aus, womit es dem Film nicht nur an emotionaler Dringlichkeit sondern auch an gesellschaftspolitischer Relevanz fehlt.

MUG (Twarz) zeigt sich zwar im Provinziellen weitaus kritischer, ist für mich dennoch die Enttäuschung des Festivals. Die Geschichte bleibt seltsam emotionslos und nimmt seinen vorerst gesichtslosen Protagonisten nur scheinbar ernst. Ebenso erscheint die künstlerische Entscheidung, mit kameratechnischen Unschärfen zu arbeiten, nicht konsequent und vollends nachvollziehbar. Genauso unentschlossen wirkt die Kritik an der polnischen Fremdenfeindlichkeit: teils überzeichnet, in anderen Momenten wieder zu brav und kalkuliert, erreicht der Film nie die angestrebte Bissigkeit. In Erinnerung bleiben dann nur einzelne großartige inszenierte Szenen, schwebend zwischen brachialen Humor und tragikkomischen Außenseitertum. Gemessen an den hohen Erwartungen die die Auszeichnung bei der Berlinale mit dem Großen Preis der Jury mit sich bringt, war mir das einfach zu wenig.

Polnische Regiegrößen und das große Highlight

Zwei der bekanntesten polnischen Regisseure konnten mich mit ihren souveränen Regiearbeiten dann doch mehr begeistern: Agnieszka Holland spielt im 2017er Berlinale Preisträger DIE SPUR (Pokot) wunderbar mit verschiedenen Genres und setzt dem ignoranten Patriarchat, der Angst vor dem unbekannten Fremden, der alteingesessenen Traditonen eine verspielt feministische, militante, träumerische Heldin entgegen, die sich am Ende märchenhaft in ihre Lebensutopie retten kann. Das hat Drive, großen Humor, Herz und viel Hoffnung.

AFTERIMAGE der letzte Film von Andrey Weida, 2017 nach seinem tragischen Ableben in einer Retrospektive geehrt, konnte nun endlich im Programm präsentiert werden. Der Großmeister beschäftigt sich mit der Fatalität des totalitären Regimes der Nachkriegszeit und den unmenschlichen Auswirkungen auf das künstlerische wie auch soziale Schicksal des oppositionellen, modernen Künstlers Władysław Strzemiński. Das ist klassisch, in klar strukturierten Bildern, stellenweise etwas zu träge erzählt, dafür in seiner emotionalen Direktheit auch auf den Punkt. Die Schwermut der Inszenierung schlägt subtil im Geiste des Zuschauers eine Brücke zu heutigen Verhältnissen.

Und zum Schluss das Highlight des Festivals, so wünsche ich mir Kino aus Osteuropa. Nicht nur in der konsequenten Zuspitzung des thematisch ähnlich gelagerten Plots erinnert WILDE ROSEN ( Dzikie róże) an das Meisterwerk LOVELESS von Andrey Zvyagintsev. Langsam, bruchstückhaft, in genauen Kamerabewegungen nähert sich die Filmemacherin Anna Jadowska der jungen Mutter Ewa und ihrer zerfallenden Psyche an. Erst sehr spät nimmt man ein musikalisches Thema, was in seiner kurzen, verstörenden Prägnanz ebenfalls an LOVELESS erinnert, wahr. Das nur zur Hälfte fertig gebaute Eigenheim, die entrückten wilden Rosenfelder, der gegen den Wind machtlose Falke oder die aufbegehrende Tochter zur Erstkommunion: selbstbewusst vertraut die Regisseurin auf die großen, symbolstarken Bilder ihrer Kamerafrau Malgorzata Szylak, die zurecht in der Rubrik Kamerakunst mit einer kleinen überschaubaren Retrospektive geehrt wurde.

Gewonnen hat den Wettbewerb des 13. filmPOLSKA-Festivals am Ende TOWER, A BRIGHT DAY, ein im Forum der Berlinale uraufgeführter Psychothriller im Stile David Lynchs. Man kann nur hoffen, dass es wieder mehr polnische Filme ins deutsche Kino schaffen. DER PRINZ UND DER DYBBUK startet am 07.06 über Salzgeber, DIE SPUR lief schon im Januar. Eine Vielzahl der Beiträge wird wohl aber leider den Festivalrundgang nie durchbrechen!



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