Tully - Jason Reitman dreht Coming-of-Age-Filme für Erwachsene


Charlize Theron in Tully und Young Adult
© DCM/Paramount
Charlize Theron in Tully und Young Adult
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Das Erwachsenwerden ist eine verzwickte Angelegenheit. Nicht umsonst ist ihm in Literatur und Film ein ganzes Genre gewidmet. Häufig enden Coming-of-Age-Geschichten spätestens mit der Volljährigkeit des oder der Protagonisten. Im Idealfall wurden bis dahin viele der prägendsten Gefühle zum ersten Mal durchlebt und infolgedessen ein gewisser Reifegrad erlangt. Für den schon etwas älteren Zuschauer kann dies ein Anlass sein, um in Erinnerungen zu schwelgen, während die jüngeren sich in den Figuren wiedererkennen. Allerdings sollten wir nicht den Fehler begehen, die persönliche Entwicklung einer Person jemals als abgeschlossen zu betrachten. Dies verdeutlichen nur wenige Filme der letzten Jahre so gut wie Young Adult und Tully von Jason Reitman.

Tully - Die wirklich großen Probleme kommen erst mit fortschreitendem Alter

Letztgenannter läuft seit heute in den Kinos und präsentiert uns eine überforderte Mutter, die sich nach jenen unbeschwerten Tagen ihrer Jugend zurücksehnt, welche sie mittlerweile gegen die Last der Verantwortung getauscht hat. Wie schon Young Adult lehrt uns auch Reitmans neues Werk: Selbstachtung zu entwickeln ist eine Sache, sie aufrecht zu erhalten eine andere. Die wirklich großen Probleme kommen erst mit fortschreitendem Alter.

In beiden Filmen fällt Schauspiel-Chamäleon Charlize Theron (Mad Max: Fury Road) die Hauptrolle zu. Nicht nur wegen ihr jedoch wirkt Tully wie ein inoffizielles Sequel zu Young Adult, gleichwohl die Ausgangssituationen der Protagonistinnen auf den ersten Blick kaum unterschiedlicher anmuten könnte. So hat die kinderlose ehemalige Highschool-Queen Mavis Gary in Reitmans bissiger Tragikomödie von 2011 gerade eine Scheidung hinter sich gebracht, während Marlo aus Tully der geballte Familienstress zu schaffen macht - schließlich stellt die dreifache Mutter für nachts sogar die titelgebende Nanny (Mackenzie Davis) ein, um zur Abwechslung mal wieder eine Mütze Schlaf abzubekommen. Während Mavis (Young Adult) gezwungenermaßen vor einem Neuanfang und den Scherben ihrer Lebensplanung steht, ist die (auch körperlich) geschundene Marlo (Tully) kurz davor, freiwillig die Reißleine ziehen. Der Alltag der einen scheint überladen mit Sackgassen, der der anderen vollgestopft mit sinnlosen Aktivitäten. Was die Frauen eint, ist die Befürchtung, die besten Jahre hinter sich zu haben. Nicht umsonst beginnen ihre Vornamen mit denselben zwei Buchstaben.

Tully - Der Schritt zurück ist nicht immer der richtige

Nur zögerlich nimmt Marlo die Hilfe des aufgeschlossenen Kindermädchens Tully in Anspruch, denn trotz ihrer offensichtlichen Überforderung möchte sie sich selbst beweisen, der Situation gewachsen zu sein. Schon bald aber geht es für sie um ganz andere Dinge, denn Tullys unbeschwertes Auftreten und freigeistige Attitüde wecken in Marlo die Sehnsucht nach Unabhängigkeit, Spontaneität, Jugend. In eine ähnliche Richtung schlägt das Verhalten von Mavis aus, die nach einer für sie alarmierenden Mail versucht, das Herz ihres Ex-Freundes Buddy (Patrick Wilson) aus glorreichen Schulzeiten wiederzugewinnen. Dieser nämlich hat zwischenzeitlich eine Familie gegründet, was die Lage einerseits massiv verkompliziert und andererseits Mavis' fragwürdige Mission erst begründet. Die Vermutung, Buddy habe es im Leben gemessen an gesellschatflichen Erwartungen weiter gebracht als sie, ist für Mavis unerträglich. Das Vorhaben der von Selbstzweifeln geplagten Ghostwriterin aus Young Adult ist dabei natürlich weitaus größenwahnsinniger, doch einen schmerzhaften Entwicklungs- beziehungsweise Erkenntnisprozess durchläuft Charlize Theron im einen wie im anderen Film.

Wie Jason Reitman uns durch Mavis vor Augen führt, kann es nur böse enden, in der Vergangenheit leben zu wollen und wie uns Marlo bestätigt, ist eine Flucht vor den realen Gegebenheiten auf Dauer ohnehin unmöglich. Tully und Young Adult stecken voll von bitterbösen Beobachtungen, bloßgestellt werden die durchweg bemitleidenswerten Charaktere aber zu keinem Zeitpunkt. Sicherlich besitzen die Filme genügend Potenzial, um jüngeren Zuschauern Angst vorm Älterwerden zu machen, aber eben die ist ja auch angebracht. Der erste Kuss, das erste Bier, der Auszug aus dem Elternhaus - all dies sind bestenfalls kleine Schritte auf dem quälenden Marathon des Lebens. Von dem Schrecken, eines Tages aufzuwachen und feststellen zu müssen, dass man nicht mehr jung ist, kann ein Teenager schließlich auch noch gar nichts wissen. Und von dem anschließenden Leugnungsprozess noch weniger.

Älterwerden ist (k)eine gute Sache

Doch worin besteht die Lösung des ganzen Dilemmas? Hierauf liefern Tully und Young Adult keine abschließende Antwort, zumal eine eben solche wahrscheinlich auch gar nicht existiert. So unangenehm es für den Betrachter auch sein mag: Das Elend von Figuren wie Marlo oder Mavis ist keineswegs aus der Luft gegriffen, im Gegenteil sind sie für ihr Publikum ebenso ein Spiegel wie junge Helden aus Coming-of-Age-Filmen es für eine andere Zielgruppe sind. Bei Jason Reitman preschen die Figuren zurück statt nach vorne, weil sie insgeheim befürchten, dass es dieses Vorne für sie gar nicht mehr gibt. Das kann ihnen niemand verübeln, denn wer arrangiert sich schon gerne mit unangenehmen Wahrheiten? Vermutlich niemand - und genau darum ist Jason Reitmans filmisches Doppel so ungemein wertvoll.

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