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Wenn der Name zur Legende wird

Textliche Erinnerungen an Isao Takahata


Eine Huldigung
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"Ich trage meine Persönlichkeit mit dem Pinsel auf."

Die Schreib-Community gedenkt heute dem japanischen Multitalent Isao Takahata und erinnert sich mithilfe von Texten zu seinen Werken:


Cooper über Horus, Prince of the Sun (1968) & Die letzten Glühwürmchen (1982)

In the twilight red sky / a lonely star shines / Someone calls me, / Come away, voiceless lark / Come away, wingless lark / From where did you come? And where will you go, now?

Wer den Namen Isao Takahata kennt, der dürfte vor allem an Studio Ghibli denken.
Lange davor - im silbernen Anime-Zeitalter - kam "Hols, Prince of the Sun" für gerade einmal 10 Tage im Jahr 1968 in die japanischen Kinos.

Kinoanime im Langfilmformat gab es erst seit knapp zehn Jahren (Hakujaden, 1958)und erst seit 1962 erschien mehr als nur ein Film pro Jahr.
Die unangefochtene Größe war Toei mit ihrem Regisseur Yasuo Otsuka. Dieser sollte - obschon nur vier Jahre älter - zum Mentor für Isao Takahata werden. Für "The Great Adventure of Horus, Prince of the Sun" ("Taiyō no Ōji Horusu no Daibōken") war es an Takahata, Regie zu führen, während er auf Otsuka als Leiter der Animation bauen konnte.
Mit der Musik von Michio Mamiya ("Die letzten Glühwürmchen") und tatkräftiger, künstlerischer Hilfe von Hayao Miyazaki (Designvorlagen für Figuren und Hintergründe, Szenenbild, Schlüsselanimationen) arbeitete Isao Takahata hier erstmalig als Regisseur zusammen.

Es ist weniger die durchaus auf mehrere Ebenen deutbare, märchenhafte Geschichte, die "Horus, Prince of the Sun" so besonders macht. Dieses Projekt wurde in Zeiten gesellschaftlichen Wandels (1968 - Studentenbewegung, Gewerkschaftskämpfe uva.) länger und teurer geschaffen, als von Toei beabsichtigt gewesen war. Die mit 2 1/2 Jahren fast drei Mal so lange Entstehungszeit des Filmes liegt neben den Gewerkschaftskämpfen der Künstler (u.a. Takahata & Miyazaki) an der Absicht, entgegen des neuen Firmenbestrebens vom Kino weg zum erfolgsversprechenderen Fernsehen hin, das bestmögliche Kinowerk zu schaffen. Die dazu eingesetzte Praxis Takahatas, nicht bloß die führenden Köpfe zu einen und leiten, sondern in Gruppenrunden Vorschläge auch von weniger wichtigen Mitwirkenden zuzulassen verlängerte die Produktion erheblich, bot aber gerade dem jungen Hayao Miyazaki die Chance, sich stärker in die Filmumsetzung einzubringen.

Neben diesen Besonderheiten zählt die erste Regiearbeit des Isao Takahata für viele zu den Top-100-Animespielfilmen. Nicht zuletzt die dramatische Steigerung in der Animation brachte 'Horus, Prince of the Sun' nachträglich hohes Ansehen. Der Film ist nicht der Erfolgreichste oder Bekannteste - möglicherweise aber das wichtigste Werk, denn trotz der Vernachlässigung bei Toei und dem Weggang, die folgten, scheint Isao Takahata hier einen Grundstein gelegt zu haben.

Für mich, nach Tränen der Erinnerung mein liebster Film von Takahata, der mich heute noch zu begeistern weiß.

***

Die Tatsache, dass Isao Takahata eine autobiographische Vorlage eines Autoren adaptiert hat, dessen Schwester an Unterernährung im Japan während Kriegszeiten verstorben ist, muss dem Regisseur hoch angerechnet werden. Nach vielen Jahren habe ich nun das bekannteste und meistbeachtetste filmische Werk dieses leider nun auch verstorbenen Ausnahmeregisseurs wieder angesehen. Vor 30 Jahren erschien 'Die letzten Glühwürmchen' und ich kann bei aller Hochachtung für das Werk, die bewegende Geschichte, die besonderen und kunstvollen Stilmittel noch immer nicht behaupten, dass ich diesen Film mag.

Mit Wut auf die Fehlentscheidungen Seitas oder die sträfliche Vernachlässigung durch die einzige, ihm bekannte Verwandte werden vermutlich wieder viele Jahre vergehen, bis ich mich auf die schmerzliche, traurige und tränenreiche nächste Sichtung einlassen werde.
Nur wenige Filme egal welcher Machart setzen mir emotional derart zu. Isao Takahata hat hier keinen schönen, dafür aber hochwertigen und herausragenden Beitrag - nicht nur zum japanischen Film geliefert.


Eine Stelle, die zu den verhängnisvollen Ereignissen führt, ist diese Passage, in der die Verwandte von Seita und Setsuko ihre harte und beinahe kinderfeindliche Haltung stellvertretend für das von Nationalstolz und Opferwillen dominierte, japanische Volk äußert. Zuvor wurde mit dem Verkaufen der Kimonos von Seitas und Setsukos Mutter ein Sack Reis erworben. Praktisches Handeln geht vor Andenken, denn Kimonos kann man nicht essen und Liebe, Andacht, Trost oder Trauer füllen keine Mägen:

Iss die Suppe auf Setsuko, dafür gibt es heute Mittag wieder Reis.

Tante: Kommt nicht in Frage, für euch gibt es heute Mittag auch Suppe, verstanden!? Ihr denkt doch nicht, dass ihr Beiden das Gleiche bekommt, wie die Beiden, die so hart für unser Land arbeiten.

Zuvor bekamen die Tochter der Tante und der arbeitende Untermieter größere Frühstückspakete mit Reis. Danach erklärt sie den Geschwistern:

Ich gebe euch Reis, weil ich ein gutes Herz habe, dabei hätte ich das weiß Gott nicht nötig!

Die Szene endet damit, dass die gutherzige 'Tante' den Kindern die Selbstverpflegung auferlegt. Selbst mit einem Dach über dem Kopf stehen Seita und Setsuko weiterhin alleine da...

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Da es wenige Interviews oder Kommentare von Isao Takahata gibt, war ich äußerst erstaunt, die englische Übersetzung eines Interviews von ihm und dem Autoren Akiyuki Nosaka zu finden, welches mit der Zeitschrift Animage geführt wurde, bevor der fertige Anime am 16. April 1988 in den Kinos angelaufen ist.

Das Interview wurde im Juli 1987 erstmalig veröffentlich. Es wurde auch in Isao Takahatas Buch 'Things I thought while making movies' ('Eiga o Tsukurinagara Kangaeta Koto' von Tokuma Shoten 1991) erwähnt.

Den Kommentar zu den Filmen "Horus, Prince of the Sun" (hier) und "Die letzten Glühwürmchen" findet ihr auch hier.



Iamthesword über Goshu, der Cellist (1982)

It's because of your youthful strength that you can even do something like that. It's been the death of anybody else if they tried.

Goshu ist ein junger Cellist, der in dem Orchester, in dem er spielt, mit Abstand der jüngste ist und einen schweren Stand hat. Immer wieder wird er von seinem Dirigenten ermahnt, genauer zu spielen und sich besser zu konzentrieren. Jeden Abend geht Goshu in eine abgelegene Hütte außerhalb der Stadt, um in Ruhe zu üben und um den hohen Ansprüchen des Orchesters zu genügen. In seiner Klause wird er dabei eines Tages von einer Katze besucht, die ihn um ein Musikstück bittet, - er vertreibt sie jedoch mit einem dissonanten Stück. Doch seine Ruhe findet er von da an nicht mehr: Jeden Abend kommen Tiere, um mit ihm zu musizieren oder seinem Spiel zu lauschen. Zögerlich lässt er sich darauf ein und wird durch das ständige Üben zunehmend besser. Zugleich empfindet er immer mehr Sympathie für die Tiere, die er zunächst als Störung erlebt hatte. So musiziert er für eine kranke Maus und schenkt ihr Brot. Am Tag des großen Konzerts liefert Goshu eine so gute Leistung ab, dass er eine Zugabe spielen soll. Er spielt das dissonante Stück von der Begegnung mit der Katze, doch nun ist er so gut, dass es das Publikum zu Begeisterungsstürmen hinreißt.

"Goshu, der Cellist" ist ein Film über das Aufwachsen. Takahata rückt wie so oft einen jungen Menschen ins Zentrum seiner Erzählung. Goshu hat einen weiten Weg zu gehen, um von den Älteren im Orchester Anerkennung zu bekommen. (Musikalisch) erwachsen zu werden, so sagt uns Takahata, ist ein steiniger Weg, der ohne anfängliches Scheitern nicht funktioniert und der große Anstrengungen erfordert. Und es ist etwas, dass man nicht alleine tun kann. Erst durch die Hilfe anderer kann man wirklich wachsen. Dann ist man auch als junger Mensch in der Lage, mit öfteren und erfahrenen (Musikern) mitzuhalten und ihren Respekt zu erlangen. Ein Appell Takahatas, auch in jungen Jahren an sich zu glauben.

Darüber hinaus ist "Goshu, der Cellist" auch ein Film über die Kunst. Schönheit, so sagt Takahata, versteckt sich oft an ungewöhnlichen Orten, - etwa in völlig dissonanten Musikstücken. Diese versteckte Schönheit zu entdecken und sie sichtbar zu machen, offenbart die wahre Meisterschaft eines Künstlers - nicht umsonst erinnert mich die Figur Goshus stets an Takahata selbst, der Schönheit oft im Alltäglichen fand, wo viele gar nicht suchen würden. Die Nähe des Regisseurs zu seinem Protagonisten eröffnet sich auch in einem weiteren Aspekt: Große Kunst, so zeigt uns Takahata, entsteht aus Empathie. Erst als Goshu die Tiere nicht mehr zurückstößt, sondern sich auf sie einlässt, erreicht er seine Meisterschaft.

Takahatas Filme zeichnen sich stets durch seine große Empathie zu ihren Figuren aus, für ihre Unzulänglichkeiten und Schwächen, die bei ihm keine Fehler waren, sondern Ausdruck ihrer Menschlichkeit. Dieser Blick für das, was uns menschlich macht, war die große Kunst Isao Takahatas. Eine Kunst, die auch diesen Film auszeichnet.


Amon über Das Schloss im Himmel (1986)

The earth speaks to all of us, and if we listen, we can understand.

Das Studio Ghibli ist heutzutage eine wahre Institution, welche aus der internationalen Filmlandschaft kaum mehr wegzudenken ist. Mit Filmen wie Mein Nachbar Totoro, Prinzessin Mononoke oder auch Chihiros Reise ins Zauberland, welcher als einziges Werk der Film-Schmiede bisher mit einem Oscar prämiert wurde, prägten sie ganze Generationen von Film-Fans und spielten sich nicht nur in mein Herz, sondern, wie dieser Artikel zu Ehren Takahata-senseis beweisen dürfte, ebenfalls in die Herzen vieler anderer Menschen. Dabei begann diese gewaltige Erfolgsgeschichte im Jahre 1986 noch relativ verhalten mit einem kleinen Film namens Das Schloss im Himmel, bei dem Hayao Miyazaki den Posten des Regisseurs bekleidete, während sein Freund und Weggefährte Isao Takahata erstmals in seiner langjährigen Karriere als Produzent für einen Anime verantwortlich zeichnete.

Bei "Das Schloss im Himmel" handelt es sich um eine klassische Abenteuer-Geschichte, in deren Zentrum das kleine Mädchen Sheeta steht, welche als Waise allein in einer kleinen Hütte lebt. Ihr recht langweiliges Leben soll jedoch schlagartig auf den Kopf gestellt werden, als ein Agent namens Mushka auftaucht, der sie auf sein Luftschiff entführt. Unserer jungen Heldin gelingt die Flucht und sie landet in den Armen des Jungen Pazu, mit dem sie sich anfreunden soll. Hier nimmt das Abenteuer unserer Protagonisten seinen Anfang, in dessen Verlauf sie nicht nur Sheetas Herkunft ergründen, sondern darüber hinaus dem Rätsel um die im Himmel schwebende Stadt Laputa lösen sollen.

Schon in diesem frühen Werk war die Handschrift Miyazakis deutlich zu erkennen, legte er doch bereits hier den Fokus sehr auf den Konflikt zwischen Mensch und Natur sowie der Botschaft, wir dürfen den technischen Fortschritt nicht dazu missbrauchen, unsere Umwelt auszubeuten, da es so am Ende nur Verlierer gäbe. Diese Message mag inzwischen sicherlich nicht mehr besonders originell sein, rückte er sie doch ebenfalls in späteren Werken wie "Prinzessin Mononoke" in den Mittelpunkt, doch selbst heute, mehr als 30 Jahre nach japanischen Kinostart, hat diese Aussage nichts von ihrer Relevanz verloren.

Ein weiterer großer Pluspunkt sind, damals wie heute, die absolut liebenswürdigen wie vielschichtigen Charaktere, die einem schnell ans Herz wachsen. Miyazaki verzichtet dabei auf ein klassisches Gut vs. Böse-Schema und zeichnet ein absolut glaubwürdiges Bild seiner Figuren, mit diversen Konflikten, in denen sich unsere Protagonisten im Laufe ihres Abenteuers wiederfinden werden. Aufgrund seiner Komplexität sowie Fülle an diversen Charakteren mit unterschiedlichsten Motivationen sowie rasanten Action-Sequenzen eignet sich der Film auch nur bedingt für die ganz kleinen Film-Fans, sondern richtet sich stattdessen deutlich eher an Teenager und Erwachsene.

Mit "Das Schloss im Himmel" erschuf das Gespann Miyazaki-Takahata einen zeitlosen Anime-Klassiker, der sich selbst heute keinesfalls vor modernen Genre-Konkurrenten verstecken muss. Die kräftigen, lebendigen Farben, die liebenswürdigen Charaktere sowie die komplexe wie spannende Geschichte entführen in ein wundervolles Abenteuer, das man so schnell sicherlich nicht vergessen wird und welches den Grundstein für nachfolgende Klassiker aus dem Hause Ghibli legen sollte

In diesem Sinne: Ruhe in Frieden, Takahata-sensei und vielen Dank für all die wunderschönen Erinnerungen.


mikkean über Tränen der Erinnerung - Only Yesterday (1991)

… weil ich das Gefühl hatte, das Mädchen aus der 5. Klasse würde mir zurufen:
Dreh dich um. Überdenke dein Leben!

Taeko ist auf den ersten Blick ein typisches Stadtkind. Vor siebenundzwanzig Jahren in Tokio geboren und aufgewachsen. Ihr Single-Leben pendelt zwischen dem Job im Büro und einem kleinen anonymen Appartement. Doch so richtig heimatlich verbunden fühlte sie sich eigentlich nie mit dem Asphalt-Meer. Es war das Land, das schon immer eine große Faszination auf Taeko ausübte. Und nun, als erwachsene Frau, kann sie die Metropole für einige Zeit hinter sich lassen. Die Familie ihres Schwagers heißt sie auf ihrem Bauernhof willkommen. Für Taeko wird diese Auszeit allerdings zu mehr als einem Kennenlernen der landwirtschaftlichen Idylle. Immer öfter durchlebt sie Erinnerungen an ihre Kindheit und muss sich schließlich fragen, wer sie ist und sie sein möchte. Bis ihr allmählich bewusst wird, dass ihr Glück und ihre Zukunft vielleicht dort liegen, wo ihr Herz scheinbar schon immer war.

Auf den Stich ins Herz ließ Isao Takahata Balsam für die Seele folgen. „Die Letzten Glühwürmchen“ war schonungslos und verstörend. Ein Blick auf das gern übersehende Leid, das der Krieg fernab der Front auslöst. „Only Yesterday – Tränen Der Erinnerung“ dagegen schlägt behutsamere Töne an. Der Blick auf das Leben seiner ganz und gar alltäglichen Heldin Taeko ist sowohl leises Melodram, wie auch Reflektion über ddie Bedeutung der Vergangenheit für Gegenwart und Zukunft. Mit seinem leisen und auch immer wieder melodramatischen Blick aufs Besondere des Normalen zeigt Takahata wiederum, welch wichtigen Gegenpol er zu seinem Weggefährten und Studio-Ghibli-Mitbegründer Hayao Miyazaki bildete.

Miyazaki entführt sein Publikum gern in fantastische Welten, um wichtige Aussagen über die Natur des Menschen zu treffen. Takahata hingegen findet sein Zauberreich im ländlichen Japan, wo die Farben kräftig strahlen und alles auch an Heidis Bergwelt erinnert. Für diese sorgte Isao Takahata in den Siebziger Jahren natürlich selbst. Allerdings bietet „Only Yesterday“ keine verträumte Flucht in kitschige Wandgemälde.

Während ihrer gemeinsamen Zeit mit dem Landwirt Toshio, dem Cousin ihres Schwagers, lernt Taeko viel über die Bedeutung des sorgsamen Umgangs mit der Natur. Darüber, dass der Mensch viel nehmen kann und auch wieder zurückgeben muss. So verwandelt sich der Film auch in eine schleichende, zurückhaltende Lektion in Sachen traditioneller Rückbesinnung. Die wunderschöne Szenerie ist ein Ideal, dass vom Menschen auf symbiotische Art und Weise mitgestaltet wurde. Ein Beleg für den philosophischen Charakter von „Only Yesterday“, der ein einziges Sinnbild für die Reise seiner Heldin zu sein scheint. Taeko ist es denn auch, die einmal meint, sie fühle sich, als ob sie ihr Larvenstadium absolviert hätte.

Für diese Reise von der Larve zum Schmetterling kann es denn auch keine bessere Begleitung geben, als die elfjährige Taeko, die ihrem erwachsenen Pendant immer wieder so banale wie auch einschneidende Episoden aus der eigenen Vergangenheit vor Augen führt. Wunderschöne Momente wie das Gefühl, mit großen Kulleraugen auf Wolke Sieben zu schweben, weil ein Junge dich mag. Schmerzhafte Erinnerungen an den strengen Vater, der mit einem Nein oder einer Ohrfeige ganze Welten zum Einsturz bringen konnte. Dieser Blick zurück auf die Kindheit als eine komische wie auch magisch einfache Zeit macht den wichtigsten Zauber von Takahatas besonderem Animationswerk aus.

Es ist berührend schön, wie es der Film schafft, die Gefühlswelt seiner jungen und auch erwachsenen Protagonistin derart dicht aufzuzeigen. Freude, Leid, vergangene Freunde, all das fängt „Only Yesterday“ ein und lässt es greifbar aufleben, selbst wenn seine Hauptfigur keinem tatsächlichen Vorbild nachempfunden wurde. Was auch zu meiner Vermutung führt, dass die wichtigste Lehre von Isao Takahata hier lauten kann, dass das Leben durchaus ein Fluss ist. In der Landwirtschaft wie auch im Seelenhaushalt, befinden sich die zurückgelegten Tage im Einklang mit den Ereignissen von heute und Morgen.

Du musst dir dabei nicht ständig selber erzählen, wie du damals hättest reagieren sollen. Es reicht auch, festzustellen, wer und wie du zu dieser Zeit warst. Und wie du dich am glücklichsten fühlen willst. Vielleicht warst du wie diese kleine Taeko. Verträumt und schlecht beim Bruchrechnen. Womöglich hast du immer gedacht, ja auf deine Eltern zu hören. Und vielleicht denkst du ja auch, dass es keine Weichen sein müssen, die für unser Leben gestellt werden. Manchmal ist es mehr, etwas Unsichtbares, das dafür sorgt, dass jemand erkennt, in den Schoss der Natur zu gehören. Auch wenn dein Geburtsort voller Beton und Wolkenkratzer war.


VisitorQ über Pom Poko (1994)

They used their balls as weapons in a brave kamikaze attack.
Der Berg, in dem ein Rudel Marderhunde lebt, soll abgeholzt werden. Verängstigt und in die Enge getrieben, besinnen sich die Marderhunde auf ihre magischen Fähigkeiten und stellen sich dem Kampf gegen die Menschen.

Hoden, Hoden überall nur riesige Hoden! Der Film ist vielleicht etwas weird aber wenn man sich darauf einlässt, bekommt man einen der wundervollsten Animationsfilme überhaupt zu Gesicht. Er hat einen deutlich erhobenen Zeigefinger, aber wie sollte man ihm böse sein? Isao Takahata erzählt die Geschichte so skurril wie rührend und wenn man sich auf den Film einlassen kann, erlebt man etwas ganz besonderes.

Anders als seine brachiale Tränendrüse Attacke "Die letzten Glühwürmchen" schlägt "Pom Poko" etwas ruhigere Töne an, doch das macht das Geschehen nur noch wirkungsvoller. Ich hatte immer ein Problem damit, wenn ein Film eine extreme Situation emotional hart ausschlachtet. Das ist manchmal effektiv und vielleicht sogar nötig, doch liebe ich Filme bei denen gut und böse, schwarz und weiß nicht ganz so eindeutig sind.

"Pom Poko" ist ein hervorragendes Beispiel für ein Film, der dem Zuschauer in vielerlei Hinsicht seine eigene Meinung bilden lässt. Und ja, ich weiß nicht immer genau, was ich von diesem Werk halten soll, doch das macht ihn in meinen Augen umso interessanter. Und trotz einer gewissen Verwirrtheit, in die er mich immer wieder gleiten lässt, kann ich mir die Tränen nicht verdrücken. Sie kommen wie von selbst. Wundervoll.



colorandi_causa über Meine Nachbarn die Yamadas (1999)

Ach, ich hab's vermasselt, bestell doch Sushi.

Die Zeit schreitet unentwegt voran und fordert ihren Tribut. Über 50 Jahre durften sich Zuschauer daran erfreuen, dass Isao Takahata sich den Trickfilmen zugewandt hatte, zusammen mit Miyzaki und Suzuki Studio Ghibli erschuf und maßgeblich an dessen Erfolg beteiligt war. Nun ist er von uns gegangen. Aber er hat mit seinem letzten Film in Spielfilmlänge gleichzeitig auch sein Opus Magnum hinterlassen und es wird Zeit diesem Herrn, bei dem man immer den Eindruck hatte, er stünde ein wenig im Schatten seines Freundes und Mitschöpfers Miyazaki, eine angemessene Rückschau zu hinterlassen und seinen Wert für die Anime-Welt i.B. und die Filmwelt i.A. zu eruieren.

Denn um „Die Legende der Prinzessin Kaguya“ in Gänze zu verstehen, müssen wir auch seine vorangegangenen Filme in Betracht ziehen. Bei einem Mosaikstück handelt es sich um „Meine Nachbarn die Yamadas“ über den ich an dieser Stelle Auskunft geben möchte. Ein Film, der meiner Meinung nach, zu wenig Beachtung geschenkt wird. Er mag nicht das Epos sein, in das sich allerhand Anime-Fans gerne flüchten möchten. Er mag auch nicht die trickfilm-technischen Möglichkeiten neu ausloten. Doch gerade in dieser Reduktion liegt seine Stärke begraben. Basierend auf dem Manga „Nono-chan“ porträtiert Takahata eine klassisch-japanische Arbeiterfamilie in episodenhaften Vignetten, die von wenigen Sekunden bis einigen Minuten reichen und die Alltagsprobleme anhand seiner 5-köpfigen Charakterbande humorig zur Schau stellen.

Von jung nach alt bekommen wir es hier mit der naiv-lebenslustigen Nonoko, dem aufmüpfig-pubertierenden Noboru, der arbeitsscheuen aber großherzigen Mutter Matsuko, Vater Takashi, der zwar immer genervt zu sein scheint, aber seiner Familie aufopferungsvoll zur Seite steht und der kampferprobten aber insgeheim gutmütigen Großmutter Shige zu tun. Dabei schlägt Takahata von den etwas karikaturesken Sketchen, welchen vor allem den Charme der Comic-Strips inkorporiert, bis hin zu dramatischeren Sequenzen um die verloren gegangene Nonoko, kulturübergreifend Brücken zum Alltagsbefinden mittelständischer (Klein-)Familien. Trotz seines etwas abstrakten Stils wirken die Figuren vor allem hinsichtlich ihres gestischen als auch mimischen Ausdrucksvermögens sehr vertraut und menschlich und die ein oder andere „problematische“ Charaktereigenschaft erscheint hier und da auch für den Zuschauer etwas entblößend ohne dabei verurteilend zu wirken. Und das ist auch schon die größte erzählerische Volte von Takahata, der seine Charaktere ob dieser Verfehlungen stets ihre Menschlichkeit anhaftet und sie nicht einfach bloßstellt, sondern würdevoll-humoristisch aufarbeitet. Hilfreich scheint diesem Unterfangen vor allem die stilistische Treffsicherheit. Statt sich in abenteuerliche Welten zu verfangen oder makellose Umwelten zu skizzieren, konzentriert man sich hier vollständig auf das ergiebige Treiben der Figuren und lässt die unnützen Ränder verschwimmen und konturlos erscheinen. Gewissermaßen eine Blaupause, sowohl in formaler als auch inhaltlicher Sicht, für das was in „Die Legend der Prinzessin Kaguya“ später noch kommen mag und die thematischen Schwerpunkte des Studios noch enger vernetzt und amalgamiert.

Aber Ghibli kann also auch anders gedacht werden. Statt sich in den großen thematischen Höhen ein ums andere Mal einen Bilderreigen zu gestatten, wirkt „Meine Nachbarn die Yamadas“ fast schon wie eine ehrliche Rückbesinnung auf „normale“ Familienunterhaltung, die nichts Anderes im Sinn hat, als das Leben seiner Zuschauer etwas heiterer zu gestalten, ohne dabei in moralinsaure Predigten zu verfallen.


Amarawish über Die Legende der Prinzessin Kaguya (2013)

Freude und Trauer erfüllen alle Wesen, die hier leben mit ihrer Farbe.

Ihre Erscheinung ist so anmutig und geschmeidig wie junger Bambus, ihr Lächeln so friedvoll und herzlich wie das eines Kindes. Geboren aus der Blüte eines Bambussprosses wurde sie in die Menschenwelt gesandt. Später soll sie aufgrund dessen den Namen Kaguya, die Bambusprinzessin tragen.

Ihre Kindheit in den Bergen ist ein wahr gewordener Traum. Kleiner Bambus erkundet die Pflanzen- und Tierwelt, erfreut sich an jeder so kleinen Gelegenheit die Schönheit und Eigenarten dieser auszukosten. Spielerisch und wild ist ihr Wesen, frech und ungebändigt. Es ist die Freiheit das zu tun was sie möchte, die Möglichkeit einfach Kind zu sein. Doch dieses Glück soll ihr schon bald genommen werden.

Die Hauptstadt, ihre gesellschaftlichen Konventionen und die strikten Gepflogenheiten der Standestradition entsprechen nicht dem Wesen von Kaguya, die sich aufgrund der neu erlernten Regeln, die sich für eine edle Dame eben schicken oftmals an ihre Grenzen getragen fühlt. Sie spürt die Sehnsucht nach dem Lebendigen, nach Natur und das Gefühl sich selbst leben zu dürfen. Die Reduktion zu einer schönen Hülle, bloß ein weiteres, wenngleich seltenes Schmuckstück an der Seite eines Edelmannes sollte das Ziel einer jungen Frau sein. Reichtum, Macht und Liebe sei ihr zukünftig beschert. Doch es wäre nichts weiter als ein schöner Käfig, der mit allerlei Besitztümern davon ablenken sollte, dass es dort draußen etwas weitaus wertvolleres zu entdecken gibt,- das Leben selbst und seine eigenen Wahrheiten. Fernab von selbstauferlegten Pflichten, Normen und Ansichten, die keine Farben zulassen.

Immer weiter in eine Richtung gedrängt, die sie nur noch mehr in die Melancholie stürzt, bricht sie des öfteren aus, und sei es nur im Traum, um die Natur um sich zu wissen und sich nochmal als Teil der Welt zu fühlen, zu spüren. Es ist die Musik des Kotos und die Zeichnungen von Wald und Wiese samt Bewohner, die von ihrer Wehmut erzählen. Ebenso von ihrer inneren und äußeren Isoliertheit, die sie an den Rand der Verzweiflung bringen, ins die Traurigkeit führen und ihr die menschlichen Emotionen in vollem Maße aufzeigen. Dies fordert unweigerlich ihren Tribut. Wo einmal die wilde Entdeckerlust herrschte, gab es nur noch den Drang nach Stille.

Auch wenn wir es oft aus unseren Bewusstsein verbannen, weil es gerade andere Prioritäten in unseren Leben gibt, so vergraben wir uns unweigerlich in unsrer Höhle mit allerlei Besitztümern, die uns davon ablenken sollen, was wir begehren, aber nicht haben können. Und das, was wir uns selbst schaffen können ist vielleicht erst nach dem steinigen Weg erreicht, aber bleibt uns oft aus Bequemlichkeit verwehrt. Wenn wir uns darauf besinnen, was wir wirklich brauchen, vom ganzen Herzen wünschen, dann würde man vielleicht manchmal stauen, wie unterschiedlich Lebenswege verlaufen können.

Es ist nicht bloß ein weiterer Fingerzeig sich auf den Einklang der Natur einzustellen, es ist ein Film über Liebe, über auferlegte Pflichten, ein Leben, dass wir uns eigentlich nie bewusst gewünscht haben. Vielleicht ist da ein Hoffnungsfunke, der uns mitsamt Kaguyas Abschied melancholisch werden und darüber nachdenken lässt wie wir leben wollen.

Sei präsent, aufmerksam und gut verwurzelt. Bleibe standhaft, sei aber auch flexibel. Gehe mit dem Wind und richte dich selbst wieder auf, wenn der Sturm sich wieder gelegt hat. Sei wie Bambus im Wind.

***

Isao Takahata hat uns hier mit seinem letzten Meisterwerk einen krönenden Abschluss geschenkt. Es ist nicht nur eine Hommage an die alte Animekunst, welche er selbst mit geprägt hat, sondern auch ein Beweis dafür, dass die handgezeichnete Animation weitaus mehr lebendiger wirkt als die oft sterile, zu perfekte 3D-Animation. Seine Werke hatten immer schon etwas melancholisches, wehmütiges an sich. Die Charaktere verwob er stets gut bedacht im Netz aus Emotionen, Entwicklung und Alltäglichkeit, was die Gesamtwirkung umso stärker in Richtung eigene Emotionen beim Zuschauer leitet. Was Miyazaki moralisch in Fantasiewelten verpackte, das hat Takahata mehr traditionell japanisch und schlicht aber nicht weniger einprägsamer gehalten. "Die Legende der Prinzessin Kaguya" vereint daher ein letztes mal seine Stärken und schließt den Kreis seines Lebens geradezu perfekt, denn die Vorstellung, dass Takahata gemeinsam mit Kaguya und den Mondwesen diese Welt verlassen hat ist mehr als mystisch und ebenso treffend.

Den Kommentar zum Film findet ihr auch hier.


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Welcher Film von Isao Takahata ist euch der liebste?

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