Franz Rogowski - Aufstrebender Schauspielstar von seltsamer Faszination


Franz Rogowski in Transit
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"I read about this guy, gets on the MTA here, dies. Six hours he's riding the subway before anybody notices his corpse doing laps around L.A., people on and off sitting next to him. Nobody notices."

Dass jemand wie Franz Rogowski ein aufstrebender Star ist, der schon bald zu den größten Schauspielern Deutschlands zählen könnte, ist alles andere als gewöhnlich oder selbstverständlich. Alleine für die Beschreibung des optischen Auftritts des gebürtigen Tübingers ringen die Kritiker seiner Filme oder die Journalisten, die sich mit ihm zum Interview treffen, regelmäßig um Bezeichnungen. Susanne Lenz von der Frankfurter Rundschau beschreibt ihren Ersteindruck von Rogowski im Zuge eines Interviews beispielsweise als speziell. So speziell, dass sie ihm ursprünglich keine große Karriere bescheinigt hätte, als sie ihn erstmals in Love Steaks von Jakob Lass sah. Ein Artikel der New York Times hingegen bezeichnet ihn gleich in der Überschrift als unwahrscheinliches Sexsymbol. In einem Interview für den rbb kommt die Autorin Anna Wollner wiederum zu der schlichten Erkenntnis, Rogowski sei und bleibe ein Rätsel.

Ab dem heutigen Donnerstag ist Franz Rogowski als Hauptdarsteller der Tragikomödie In den Gängen wieder bei uns im Kino zu sehen. In dem Film spielt er den neuen Supermarkt-Mitarbeiter Christian. Als Gabelstaplerfahrer für das Warenlager zuständig, verliebt er sich nach und nach in die Süßwaren-Beauftragte Marion, die allerdings schon verheiratet ist. Fast schon unspektakulär klingt die Geschichte von Thomas Stubers Film für einen Schauspieler wie Rogowski, der für die Rolle Ende April den Deutschen Filmpreis als Bester Hauptdarsteller erhielt und aktuell als eine der größten Schauspielhoffnungen Deutschlands gehandelt wird. Mit einem Blick auf die bislang noch überschaubare Filmografie des Darstellers, die momentan 14 Filme umfasst, passt die Figur aber nur allzu gut in das Rollenschema des Schauspielers, der zwischen seinen verschiedenen aufregenden Persönlichkeitszügen von einer faszinierenden Figur in die nächste zu stolpern scheint.

Franz Rogowski: Zufällig in die Schauspielkarriere gestolpert

Als Sohn eines Kinderarztes und einer Hebamme wuchs Franz Rogowski in Tübingen auf, wo er sich durch seine Schulzeit quälen musste. Wie er der AZ verriet, beschloss der Enkel des früheren BDI-Präsidenten Michael Rogowski im Alter von 16 Jahren zwischen Matheunterricht und Bongrauchen, die Schule komplett zu schmeißen. Seine Zukunft suchte er, wie so viele, als noch nicht ganz Erwachsener in Berlin, wo er sich die erste Zeit als Straßenmusiker durchschlug, so der Tagesspiegel. Anschließend absolvierte er eine Tanzausbildung und begann Theater zu spielen, wobei der Beruf des Filmschauspielers nie zu seinen Zielen gehörte. In diese Branche geriet Rogowski, der seit 2007 in der freien Theaterszene aktiv ist, vielmehr durch einen Zufall. Am Set eines Films von Jakob Lass wirkte er als Choreograf mit. Aufgrund des Ausfalls eines Cast-Mitglieds besetzte Lass Rogowski und war von seiner Leistung so überzeugt, dass er ihm in dem Film Frontalwatte die erste Hauptrolle verschaffte.

Lass selbst ist ein Filmemacher, der dem Subgenre des German Mumblecore zugeordnet wird und dessen Filme Schauspielern sehr viel Freiheit für improvisierte Dialoge sowie körperlichen Bewegungsfreiraum zugestehen. Vermutlich trug dieser Stil viel zu der Art des Schauspiels bei, die sich Franz Rogowski in der frühen Phase seiner Karriere aneignete. Während es in Frontalwatte noch so wirkte, als würde sich die Kamera speziell dessen körperlicher Eigenart noch nicht so recht annähern wollen, hinterließ Lass' nachfolgender Film Love Steaks schon wesentlich größere Spuren, die das markante Profil von Rogowski schärfen und einem breiteren Umfeld zugänglich machen sollten.

Franz Rogowski: Für internationale Kritiker der deutsche Joaquin Phoenix

Die Liebesgeschichte zwischen einem Masseur in der Probezeit und einer Koch-Auszubildenden, die beide im gleichen Wellness-Hotel arbeiten, ist der lose Handlungsfaden von Love Steaks. Er stellt trotz seiner betont anstrengenden, ungebändigten sowie stürmischen Machart vor allem so etwas wie eine erste Visitenkarte für den Hauptdarsteller Franz Rogowski dar. Auch wenn der Film von 2013 vornehmlich einem deutschen Nischenpublikum vorbehalten gewesen ist, enthielt Rogowskis Schauspiel bereits all das, was gerade auch internationale Kritiker, die ihn auf der diesjährigen Berlinale gleich in zwei Filmen sehen konnten, über ihn schrieben.

Mehrfach war in englischsprachigen Kritiken wie im Hollywood Reporter zu lesen, dass Franz Rogowski eine große Ähnlichkeit zu Joaquin Phoenix besäße. Sicherlich rührt dieser häufige Vergleich von der Überschneidung der optischen Merkmale, die sich Rogowski und Phoenix teilen. Ebenso wie der Amerikaner hat der deutsche Schauspieler eine Hasenscharte, wobei die operativ geschlossene Lippen-Kiefer-Gaumenspalte bei ihm dazu führt, dass seine ausgesprochenen Worte oftmals einem unklaren Nuscheln gleichen, das zusätzlich von einem auffälligen Lispeln sowie einem nasalen Ton ergänzt wird. Dieses körperliche Merkmal, das oftmals auf einen eher schüchternen, zurückhaltenden Typ Mensch dahinter schließen lassen würde, wird bei Rogowski allerdings durch dessen durchtrainiertes, extrovertiertes Auftreten kontrastiert. Er selbst bezeichnet seinen Körper im Interview mit der Taz treffend als Holzfällerkörper.

Franz Rogowski: Ein unberechenbarer Karriereweg zwischen Haneke, Petzold und Malick

Ein weiterer Meilenstein in der bisherigen Karriere von Franz Rogowski war seine Beteiligung an Sebastian Schippers One-Take-Thriller Victoria. Hier spielte er den ebenso temperamentvollen wie naiven Kleinkriminellen Boxer, von dem der Zuschauer erfährt, dass er mal im Gefängnis saß. Darüber hinaus definiert Rogowski die Figur allerdings in erster Linie über sein wieder einmal höchst körperbetontes Spiel, das in einer Szene des Films zur vollständigen Entfaltung gebracht wird. Als es der Gruppe, bestehend aus Boxer, drei anderen Freunden sowie der Spanierin Victoria gelungen ist, einen Bankraub auszuführen, zu dem sie von einer Knastbekanntschaft Boxers gezwungen wurden, begeben sie sich anschließend in einen Club, um zu feiern. Hier ist es einmal mehr der Tänzer Franz Rogowski, der dem Schauspieler Franz Rogowski merklich die Schau stiehlt, wenn sich der hitzköpfige Boxer auf der Tanzfläche euphorisch so verausgabt, als würde sein Körper im Anschluss ohnehin verglühen.

Nach Victoria schien er kaum noch zu bremsen zu sein. Alleine im Jahr 2017 war Franz Rogowski in vier Filmen zu sehen. Dabei führten ihn seine Rollen nicht nur in Werke von alten Bekannten wie Jakob Lass für Tiger Girl oder an die Seite von Regisseur sowie Hauptdarsteller Jan Henrik Stahlberg, für den er in der Groteske Fikkefuchs einen in der Pubertät steckengebliebenen, unreifen Lüstling spielte, dessen vergebliches Verlangen nach Frauen und Sex schon zu Beginn des Films gefährlich psychopathische Züge annimmt. Auch vor die Kamera der europäischen Arthouse-Größe Michael Haneke hat es Rogowski schon verschlagen. In Happy End, der gewissermaßen ein Best-of der Motive aus dem Schaffen des Regisseurs darstellt, war es neben der routiniert sehenswürdigen Beteiligung von Isabelle Huppert ausgerechnet der deutsche Schauspieler, der von Haneke als Tänzer (und Sänger!) glücklicherweise für eine großartig bizarre Karaoke-Szene zu Sias Chart-Hit Chandelier von der Leine gelassen wurde und sich nachdrücklich ins Gedächtnis einbrannte.

Auch 2018 ist das deutsche Kino vor der ebenso eigentümlichen wie faszinierenden Präsenz von Franz Rogowski nicht sicher. Selbst dem im Kino mittlerweile unausweichlich scheinenden Genre der Superhelden-Filme näherte sich der Schauspieler auf seine ganz eigene Weise an, auch wenn seine Figur, die sich in Lux - Krieger des Lichts im selbstgebastelten Kostüm zum Helden erklärt und Obdachlosen in Berlin helfen will, kaum weiter von den Avengers entfernt sein könnte. Daneben war er zuletzt außerdem in Christian Petzolds Transit im Kino zu sehen, wo er als Georg auf der Flucht vor den Nazis im heutigen Marseille in einem surrealen Transitraum zwischen Vergangenheit und Gegenwart feststeckt. Als dieser Georg außerdem in eine ebenso hoffnungsvolle wie verzwickte Liebesbeziehung gerät, entfaltet Petzolds Film neben dem raffinierten Erzählkonzept zusätzlich eine erstaunliche Emotionalität, die wiederum von Rogowskis Spiel ausgeht. Auch wenn er hier zurückgenommener als sonst agiert, strahlt hinter seinen Katzenaugen nichtsdestotrotz eine große Sehnsucht und Verlorenheit hervor, die sich ideal in den orientierungslosen Handlungsstrom der Geschichte einfügt.

Für die Zukunft steht bereits fest, dass Franz Rogowski in Terrence Malicks Film Radegund zu sehen sein wird. Falls seine Rolle nicht noch der berüchtigten Schere des Regisseurs zum Opfer fällt, könnte die Beteiligung in einem Werk von Malick kaum passender sein. Der für seine offene, spontane sowie improvisierte Arbeitsweise bekannte Filmemacher, der gerne lange Takes mit geringen Vorgaben dreht, könnte in Rogowski, der seine Filmkarriere unter geradezu freischwebenden Bedingungen begann, einen idealen Partner gefunden haben.

Trotz seines stark körperbetonten Spiels und dem eher wüsten Erscheinungsbild wirkt Franz Rogowski jedoch keineswegs unüberlegt oder wie jemand, der die Dinge überstürzt. Im Gespräch mit dem rbb während der diesjährigen Berlinale gab sich der Schauspieler stattdessen zurückhaltend und bescheiden, ganz so, als sei er noch immer der zufällige Star, der durch Glück von einer hervorragenden Rolle in die nächste stolpert. 2018 war Rogowski auf der Berlinale Teil der European Shooting Stars, wobei er gemeinsam mit anderen vielversprechenden Schauspieltalenten besonders im Fokus der Vernetzung stand. Während er seinen randvollen Terminkalender erwähnt sowie die beiden Filme, in denen er als Hauptdarsteller im Wettbewerb vertreten ist, äußert er mit zufriedener Stimme aber trotzdem noch den vielleicht schönsten Satz des Interviews: "Vielleicht kann ich ja sogar 'n Film noch angucken."

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