Staffel 4, Folge 6

Fear the Walking Dead liefert Antworten und viele neue Fragen


Freund oder Feind? Die Serie will Verwirrung schaffen. Nur zu welchem Zweck?
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Freund oder Feind? Die Serie will Verwirrung schaffen. Nur zu welchem Zweck?
moviepilot Team
reeft Sascha Brittner
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Nicht-lineare Erzählungen können großartig sein. Pulp Fiction, Memento und Vergiss mein nicht! begeistern Filmfans auch noch Jahre nachdem sie in den Kinos liefen. Aber nicht-lineare Erzählungen können auch genutzt werden, um über ein ziemlich fade Geschichte hinwegzutäuschen. Kompliziert ist eben nicht immer besser. In dieser Woche hat Fear the Walking Dead mit der 6. Folge endgültig die Hosen runtergelassen und gezeigt, dass die 4. Staffel eigentlich doch eine relativ kurze Geschichte erzählt. Die Autoren haben sich lediglich dazu entschieden, das ganze Theater aufzublasen und unnötigerweise kompliziert zu erzählen. Aber erstmal einen Gang zurück.

Ein halbwegs erfolgreicher Ausflug

Am Ende der letzten Episode machte sich John Dorie (Garret Dillahunt) auf, um zusammen mit Morgan (Lennie James) seine verlorene Liebe zu finden. Laura (Jenna Elfman), die eigentlich Naomi heißt, ist in der Zwischenzeit bei den Clarks angekommen, fühlt sich dort aber auch nicht sicher. Befürchtungen, dass die letztwöchige Liebesgeschichte einige Details ausließ, dürften sich nicht bestätigen, denn auch im sicheren Stadion fühlt sich Naomi nicht wohl. Es lag also nicht an John. Sie möchte vorzeitig fliehen und wie sich später herausstellt, ging es ihr gar nicht darum, früher an versteckte Ressourcen zu kommen oder zum Feind überzulaufen, sondern sie wollte einfach nur weg. Fliehen vor ihren Sorgen, ihrer Trauer und anderen Menschen. Ihr Trauma sitzt tief, immerhin stellt sich in dieser Folge heraus, dass sie nicht nur ihre Tochter verlor, sondern der Tod ihrer Tochter auch den Untergang ihrer ehemaligen Kolonie einläutete. Kein Wunder also, dass Naomi aus Scham und Schuldgefühlen lieber allein sein möchte.

Der gesamte Ausflug zu diesem ehemaligen Unterschlupf, einem FEMA-Camp, ist das Highlight der Folge. Viel Fantasie braucht es nicht, um sich auszumalen, welche fürchterliche Tragödie hier passiert sein muss. Und Jenna Elfman verkauft uns den Schrecken, ehemalige Freunde als Zombies wiederzusehen, sehr glaubhaft. Fear the Walking Dead wollte eigentlich einmal die Anfänge der Zombieapokalypse zeigen. Diesen Ansatz ließ die Serie schnell in der Wüste Mexikos hinter sich, doch es ist schön, dass ab und an noch daran erinnert wird, dass zu Beginn die Regierung noch aktiver war. Es ist außerdem eine willkommene Abwechslung, dass die Motivation einer Figur tatsächlich ergründet wird. Sowohl Naomis eigentliche Hintergrundgeschichte als auch ihre damit verbundene Verschwiegenheit ergeben einen Sinn und ihre Beichte ist ein echter kathartischer Moment. Dahingehend sind Alicia und Strand im Umgang mit Althea und Co. nur Drama-geile Facebook-Nachrichten im Sinne von "Du würdest eh nicht verstehen, was los ist."

Was hätte sein können

Um die Exkursion herum reihen sich jedoch erneut viele unpassende und unschöne Momente. Allen voran die völlig erzwungene Nacherzählung durch Strand (Colman Domingo). Seine Reaktion ist durchaus menschlich und nachvollziehbar. Madison rettete ihm das Leben und nach einem Schlückchen Alkohol kann auch der sonst so abgeklärte Strand mal seine Gefühle ausdrücken. Doch ein "Danke, dass du mich damals gerettet hast." hätte gereicht. Stattdessen hören wir von Strands Ertrinken, Madisons Rettung, einer Höhle, Nicks Suche nach Luciana, etc. In einem Satz wird eine alternative 4. Staffel verabschiedet. Das kann man wirtschaftlich nennen, ich nenne es faul und falsch. Niemand redet so mit seinen Freunden.

Apropos Freunde: John Dorie und Morgan kommen sich immer näher, doch während John den faszinierenden, treibenden Motor der Geschichte darstellt, ist Morgan … einfach nur noch da. Die Serie widmete ihm im Staffelauftakt eine ganze Episode und seitdem bleibt Morgan ein Beobachter, der hier oder da eingreift, aber ansonsten nur mitschwimmt. Sein bipolarer Pazifismus sowie die immer gleichen selbstgerechten Sprüche à la "Du willst das nicht tun." oder "Das wird dich verändern." nerven einfach nur noch. Ich mag es ja selbst nicht, jede Woche hier die gleiche Platte abspielen zu können, aber die Serie tut es mit Morgan ja bereits seit etlichen Staffeln. Es wird klar, dass eigentlich Abrahams Gruppe Teil des Crossovers gewesen sein müsste. Dann würde der Wechsel nach Texas erhalten bleiben und der Zeitsprung wäre dann ebenso unnötig wie die vielen Zeitebenen.

Johns Schicksal steht sinnbildlich für die Krise der Serie

Die Frage über Johns mögliches Ausscheiden aus der Serie bietet keine befriedigenden Antworten. Stirbt John Dorie tatsächlich, wird direkt wieder das bekannte Muster erkennbar: Eine Figur wird in der vorangegangen Folge nur aufgebaut und weiterentwickelt, sodass ihr baldiger Tod eine emotionale Mindestreaktion beim Zuschauer hervorruft. Weiterhin verliert die Serie eine der zentralen Dynamiken mit John und Naomi, die die Serie antreiben. Vielleicht treibt der Mord durch Alicia einen weiteren Keil zwischen die beiden Fraktionen und stellt die Clarks noch mehr als Bösewichte hin. Aber dafür existiert auf einer atmosphärischen Ebene zu viel Verwirrung, die die Serie bestimmt als Missverständnis auflösen möchte. Überlebt Dorie, wie ich vermute, dann war dies erneut ein billiger Trick, um den Zuschauer eine Woche weiter am Ball zu halten. Dazu gesellen sich etliche Fragen, die zum Einschalten zwingen sollen: Wieso ist Naomi jetzt bei den Vultures? Ist sie übergelaufen oder war sie doch schon ein langjähriges Mitglied der Truppe? Hält sie Madison insgeheim gefangen oder hat sie sie sogar getötet? Die Mysterien an sich sind nicht das Problem, sondern die schiere Masse überfordert und sorgt für Frustration.

Wie auch immer es ausgeht, Fear the Walking Dead kann eigentlich nur enttäuschen. Das liegt an billigen Tricks, Effekthascherei und dem Gefühl, dass die Autoren vieles komplizierter machen als notwendig. So wie sich die Serie aktuell gestaltet, handelt sie eigentlich von absolut gar nichts. Ich kritisiere häufig die Mutterserie in meinen Reviews, aber wenigstens geht es in The Walking Dead um etwas. Aktuell stellte sich ein Widersacher Rick in den Weg. Es geht um die Rückkehr in die Zivilisation, doch Negan will an seinem System festhalten. Wie ist mit ihm umzugehen? Gibt es Kooperationsmöglichkeiten oder muss er aus dem Weg geräumt werden? Wie soll ein neues Gesellschaftsmodell aussehen? Wie ist Familie in dieser Welt eigentlich noch zu definieren? Was passiert, wenn wir überleben, aber unsere Seelen dabei verlieren? Das sind nur ein paar Ansätze, die in dem narrativen und schlecht inszenierten Schlamassel zu finden sind. Worum geht es aktuell bei Fear the Walking Dead? Rache? Nicht einmal der Ansatz, ob man die vor den Toren wartenden Vultures einfach leicht entledigen könnte, wurde anständig in eine moralische Diskussion gepackt.

Fear the Walking Dead ist aktuell nur Plot – und leider nicht mal ein klarer. Alles ist unnötig verschoben, verschaltet und auch wenn sich zwischendrin ein paar Lichtblicke wie eine berührende Annäherung zweier Figuren oder eine aufregende Actionszene finden lassen, führt die Serie aktuell nirgendwohin außer auf die Auflösung, was eigentlich passiert. Wer das aufregend findet, darf das gerne tun. Aber gut geschrieben ist es nicht. Schaut, alles was ich damit sagen will ist, dass wenn die Showrunner nach dem Ende einer Episode – und das nicht das erste Mal – in einem Interview erklären müssen, was vor sich geht, macht jemand seinen Job falsch.

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