Es ist nie zu spät, sich in die Filme von Agnès Varda zu verlieben


Augenblicke - Gesichter einer Reise: JR und Agnès Varda
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the gaffer Jenny Jecke
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Redakteurin bei traveldaily.co.uk, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Nudel-Restaurants in Hongkong spielen.

Den Ehrenoscar erhielt Agnès Varda bereits im November letzten Jahres. Bei anderen ist es eine zu spät kommende Anerkennung der Welt außerhalb Hollywood. In der Vita der französischen Regisseurin ordnet der Preis sich skurrilerweise als Randnotiz ein. Denn wenig später erhielt sie ihre erste "richtige" Oscar-Nominierung für einen neuen Film. Augenblicke: Gesichter einer Reise heißt die nominierte Dokumentation, die heute in den deutschen Kinos startet. Finanziert wurde sie mithilfe von Crowdfunding und der Do-it-Yourself-Ansatz durchzieht diese großartige Auseinandersetzung mit der Vergänglichkeit von Orten, Menschen und dem eigenen Körper. Mit dem Fotokünstler JR und einem großformatigen Drucker streift Agnès Varda darin durch Frankreich. Sie sind ein entzückend verqueres Buddy-Duo, wie es nur das Arthouse-Kino zustande bringen kann. Dabei begann Varda ihre Karriere als Regisseurin noch vor dem Aufkommen der Nouvelle Vague. Sie behielt jene Experimentierfreude, die wir mit den französischen Filmrevolutionären assoziieren, noch Jahrzehnte später. Gestern feierte sie ihren 90. Geburtstag.

In Augenblicke hauchen Agnès Varda und JR verlassenen Orten Leben ein

"Gesichter, Dörfer" lässt sich der Originaltitel von Augenblicke - Gesichter einer Reise übersetzen. Varda ist hier, wie so oft in ihren Filmen, selbst Protagonistin. Sie ist ein "Gesicht". Ihre Freundschaft mit dem wesentlich jüngeren JR, der sich nie ohne Sonnenbrille sehen lässt, befruchtet die Dokumentation ebenso wie die französischen Landstriche, die sie bereisen. Ruinen sehen sie, an denen das Leben vorbeigezogen ist, riesige Bauernhöfe, die nur noch von einer Person betrieben werden. Eine Wohnsiedlung von Minenarbeitern soll abgerissen werden und eine Frau weigert sich, aus ihrem Haus auszuziehen, obwohl schon lange keine Arbeiter mehr über die Häuserschwellen nebenan treten. Ihnen allen, den Lebenden und den Toten (und den Ziegen auch) setzen Agnès Varda und JR großflächige fotografischer Denkmäler mit Ablaufdatum. Nach einem Regenguss können sie schon wieder verschwinden. Als Varda und JR weiterziehen, wird in jenem einsamen Straßenzug ein riesiges Schwarz-Weiß-Bild der resoluten letzten Bewohnerin an ihrem Haus kleben. Auf einmal scheint sie und das versiegende Leben in diesem Ort überlebensgroß, verschmolzen mit Ziegeln und Beton. Die Fotos hauchen Leben ein - und die Erinnerung an das Leben.

Ein anderer Freund von Agnès Varda, der seine Sonnenbrille nicht absetzen wollte, ist Jean-Luc Godard. Auch diesem Gesicht wird in der Dokumentation ein Augenblick gewidmet, der die Brücke zu Vardas Anfängen als Filmemacherin baut. Anders als Godard und viele Vertreter der Nouvelle Vague stammt Agnès Varda nicht aus dem Bereich der Filmkritik oder Cinéphilie. Geschichte und Fotografie gehörten zu ihren Studienfächern und erst über die Arbeit als Standbildfotografin kam sie zum Film. Hand in Hand gehen seither bei ihr Bewegtbilder, Fotos und Malerei, manchmal im selben Film. Deswegen liegt bei Varda, obwohl sie häufig in einem Atemzug mit der Nouvelle Vague genannt wird, ein Vergleich mit Filmemachern wie Alain Resnais (Letztes Jahr in Marienbad) und Chris Marker (La Jetée - Am Rande des Rollfelds) näher. Sie experimentierten ebenso mit den bestimmenden Erzählformen der Zeit, waren allerdings weniger an der Filmgeschichte selbst geschult als vielmehr an Roman, Malerei und Fotografie.

Wie diese Regisseure, mit denen sie auch zusammenarbeitete, begann Varda ihre Filmkarriere vor der Veröffentlichung von Sie küßten und sie schlugen ihn, die 1959 die "neue Welle" des französischen Kinos aufbrachte. Varda, Resnais und Marker werden deswegen häufig zur Gruppe "Rive Gauche" oder "Left Bank" gezählt. Mal wird diese als für sich alleinstehend beschrieben, mal als linke Speerspitze der Nouvelle Vague.

Agnès Vardas berühmtester Film entstand in der Blütezeit der Nouvelle Vague

Bereits 1955 gab Agnès Varda ihr Spielfilmdebüt als Regisseurin mit La Pointe courte, in dem ein Ehedrama mit Milieuaufnahmen eines Fischerdorfes verbunden wird. Schon hier zeigte sich die Bedeutung von dokumentarischen Aufnahmen für ihr Werk. Fiktion und Dokumentation verschwimmen in ihren Filmen auf eine Weise, die weniger mit dem italienischen Neorealismus oder dem Cinema Verité gemein hat, als man zunächst denken könnte. Dafür scheinen Montage und Bildausschnitte zu verfremdend. Das reicht bis hin zu Augenblicke - Gesichter einer Reise, in dem Varda und JR selbst auftauchen und letztlich auch Versionen ihrer selbst darstellen.

Ihr wohl berühmtester Film, Mittwoch zwischen 5 und 7, nimmt in Augenblicke keine ungewichtige Rolle ein. 1962, in der Blüte der Nouvelle Vague, erschien "Cléo von 5 bis 7", wie er im Originaltitel heißt. Godard und seine damalige Lebensgefährtin Anna Karina sind darin in einem Stummfilm-im-Film zu sehen. In Augenblicke sehen wir diesen jungen, bebrillten Godard wieder, den eine Freundschaft mit Varda und ihrem verstorbenen Ehemann Jacques Demy (Die Regenschirme von Cherbourg) verband.

Zwei Stunden im Leben einer Frau sind an diesem Mittwoch alles entscheidend, denn Cléo (Corinne Marchand) wartet auf das Ergebnis einer Biopsie. Die mögliche Krebsdiagnose legt sich über ihren Alltag, lässt in Nebensächlichkeiten das eigene Leben auf die Waagschale legen. Hypersensibel scheinen Film und Heldin auf einmal Alltagsgeräusche, Getuschel, Blicke wahrzunehmen, als wurde das menschliche Schutzschild im Arztzimmer vergessen. Unmittelbarkeit und Distanz liefern sich ein Wechselspiel, das sich nicht mit den gängigen Inszenierungsformen von "Authentizität" oder "Realismus" fassen lässt. In seiner filmemacherischen Vitalität steht Mittwoch zwischen 5 und 7 indes den Meisterwerken der Nouvelle Vague in Nichts nach, mag man Varda nun dazuzählen oder nicht.

Agnès Varda entzieht sich der Kategorisierung

Agnès Varda blieb eine der wenigen weiblichen Regisseure im Umfeld dieser Erneuerungsbewegung des französischen Kinos. Traditionelle Geschlechterrollen thematisiert sie etwa in dem im Deutschen ohne Umschweife betitelten Glück aus dem Blickwinkel des Mannes. Eine Bilderbuch-Familie sehen wir da in sonnigen Bildausschnitten, die an Motive aus der französischen Malerei des ausgehenden 19. Jahrhunderts erinnern. Nur wird diese Familie aus dem idyllischen Wald hinaus in den Neubausiedlung gehen, ein Kontrast, der die freiliegende Ungleichheit der Eheleute visuell schärft. In Die Eine singt, die Andere nicht bildet die Frauenbewegung auch im Film den Hintergrund und in Vogelfrei folgt Varda einer gesellschaftlichen Außenseiterin, die erfroren am Straßenrand aufgefunden wird, zurück durchs Leben.

Es fällt schwer, die 1928 geborene Agnès Varda in irgendeine filmische Strömung zu entlassen, weil sie nicht so einfach greifbar ist. Cléo und Augenblicke hätten nicht von zwei verschiedenen Regisseuren gedreht werden können. Bei der einen, die da auf dem Regiestuhl saß, lassen sich indes nach Jahrzehnten neue Facetten entdecken. Diese unterwarteten Sprünge finden sich oftmals in einem Film. Ein Schnitt kann bei Varda neue Welten offenbaren oder, wie in jenem trügerischen Familienglück, die Gesellschaftsanalyse radikal zuspitzen. Minimalistisch kann man das nennen oder eben präzise. In jedem Fall ist es überraschend.

Ein fantastisches Beispiel für die Varda'sche Welterfassung in Filmform ist Der Sammler und die Sammlerin von 2000. Darin wird dokumentarisch ein roter Faden ausgelegt zwischen einem Gemälde aus dem 19. Jahrhundert, in dem Frauen regelrecht erhaben ein Feld nach der Ernte durchlesen, hin zum gegenwärtigen Containern und schließlich Vardas Einsatz der damals neuen digitalen Filmtechnik, mit der sie ihre spontanen Bilder sammelt und neu verwertet.

Ihre eigene Präsenz als Akteurin nahm indes an Bedeutung zu. In Daguerreotypen - Leute aus meiner Straße von 1976 entdeckte Varda quasi nebenan eine kleine Welt für sich. Ehemann und Filmregisseur Jacques Demy, verstorben mit nur 59 Jahren, wurde zur wiederkehrenden Präsenz in Jacquot de Nantes und Die Welt ist ein Chanson - Das Universum des Jacques Demy. In den letzten Jahren ist Varda selbst zu einer Art visuellem Markenzeichen geworden, allen voran die graue Tonsur über den gefärbten Haarspitzen. Godard und JR haben ihre Sonnenbrille, Varda ihre Frisur. Die stellt letztlich auch ein Spiel mit den Insignien des Alterns dar und den Versuchen, diese zu übertünchen.

In Augenblicke - Gesichter einer Reise greift Varda ihre eigene Vergänglichkeit auf, mit der Unmittelbarkeit, die wir von ihr erwarten und die uns doch von Neuem überrascht. Wenige Schnitte führen da vom leeren Auge eines leblosen Fischleibs zu jenen der Regisseurin bei einer Untersuchung. Da zieht sie, die mit JR durchs Land zieht und es mit schwarz-weißem Leben überzieht, uns den Boden unter den Füßen weg. Es ist eben ein echter Varda.

Welchen Film von Agnès Varda würdet ihr weiterempfehlen?

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