Einfach mal die Klappe halten - Ode an die Macht des Bildes


Das Fenster zum Hof
© Universal Pictures
Das Fenster zum Hof
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Fotografie ist Wahrheit. Das Kino ist Wahrheit 24 Mal in der Sekunde.

- Jean-Luc Godard

Wie viel treffender, wie prägnanter ist das Wesen des Kinos, des bewegten Bildes allgemein auf den Punkt zu bringen als in diesem Zitat Godards? Seit seinen Anfängen gegen Ende des 19. Jahrhunderts, wir denken nur an Georges Méliès und die Brüder Auguste und Louis Lumière, hat sich das Kino über Bilder definiert. Gerade die Stummfilm-Ära, die Pioniere à la Sergei M. Eisenstein hervorbrachte, legte Grundsteine, die bis heute Bestand haben, die dem Kino ihre Substanz gaben und sich auf das besannen, was dem Film gegenüber Theater, Buch und Malerei sein Alleinstellungsmerkmal verleiht: das bewegte Bild. Später nur noch im Wesentlichen erweitert mit dem Aufkommen des Tonfilms. Mit dem Ton kam aber auch der verbale Dialog, der bei dilettantischem und faulem Gebrauch Exposition aufdrängt, den Zuschauer penetriert und sein Werk in einem Moment vom Meisterwerk in die Durchschnittlichkeit hämmert und geradezu (Selbst-)Verrat betreibt.

Ausnahmen wie Allen

Um mit einem sicher existierenden Vorurteil aufzuräumen: Ich hasse den Dialog nicht. Er kann die durch wörtliche Erzählung verankerte kühne Vision, Idee und vor allem das Gefühl eines Regisseurs kraftvoll zur Geltung bringen. Ich denke da an Woody Allen, der gerade mit der Waffe des Dialogs eine ganz eigene Filmwelt erschuf, sein und das Innenleben seiner Figuren zum Ausdruck brachte. Wenngleich auch er, in Der Stadtneurotiker etwa, später deutlich sichtbar mit der Kamera experimentierte. Wie Roger Ebert im Hinblick auf die präsentere Bildlichkeit richtig bemerkte:

[...] Sie gehen und reden, sitzen und reden, besuchen Therapeuten und reden, gehen zum Mittagessen, machen Liebe und reden, reden in die Kamera oder starten inspirierende Monologe, wie Annies freie Assoziation, als sie Alvy ihre Familie erklärt. Diese Rede von Diane Keaton ist so nah an der Perfektion wie eine Rede wohl sein kann ... alles in einem Take brillanten Wagemuts.

Hitchcock, Eisenstein, oder: Reaktion und dritte Bilder

Schon für Alfred Hitchcock war der Stummfilm die "reinste Form des Kinos". Die unbeholfenen Filme, die durch Dialog mit Sinn beladen werden sollten, nannte er "Fotos von redenden Menschen". Der Dialog war für ihn die Ultima Ratio des Filmemachens, ein letzter Ausweg, wenn alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft waren. Seht euch Das Fenster zum Hof an, für Hitchcock "ein Denkprozess mit visuellen Mitteln", der dem Zuschauer die Wucht des Bildes gleich mehrfach vor Augen führt. Er zwingt ihn in die subjektive Perspektive des an den Rollstuhl Gefesselten, lässt ihn nach draußen schauen und auf die Dinge reagieren. Das Publikum wird so zum Beobachter und Voyeur seines gewissermaßen eigenen Films und sieht sich mit sich konfrontiert. Was kann Kunst anderes sein als eine solche Reaktion aufs Gesehene? Stellt euch die Auflösung dieses Prozesses in Dialoge vor ...

Für einen anderen Zweck, aber nicht weniger wirksam, konzipierte der sowjetische Regisseur Sergei Eisenstein seine Filme. Seine Attraktionsmontage zielte auf die (bildende) Reaktion der Zuschauer ab (zur Sensibilisierung für gesellschaftliche Umstände): Ein Bild eines Individuums wird in Verbindung mit einer übergeordneten Thematik, wiederum mit einem Bild, visuell aufgelöst, gesetzt und affektiert den Zuschauer. Da transformiert sich etwa in Streik die Arbeiterklasse in die Kuh, die blutig niedergeschlachtet wird. Es entsteht die Vorstellung von der Stellung, die der Arbeiter in dem dargelegten System innehatte. Diese Assoziation, dieses dritte Bild, ist es, das von solch überwältigender Strahlkraft ist, denn es kitzelt im Innersten des Publikums und beschwört eine Reaktion, wie abstoßend, wohltuend, bizarr, pervers oder lieblich sie sich auch anfühlen mag. Lasst euch niemals sagen, 1 und 1 ergäbe 2. Im Film heißt es: 1 + 1 = 3. Ist nicht auch gerade jener nicht explizite Horror der, der wirklich Angst macht?

Die klare Universalität des Bildes, die Sinnlosigkeit des Wortes

Worin aber liegt die immense Wirkung eines irgendwie wohlkomponierten Bildes? Bilder, die ähnlich funktionieren wie Musik bzw. Ton, weshalb visueller und auditiver Reiz gleichberechtigt nebeneinander stehen, sind in ihrem Wesen zunächst rein. Gewiss werden sie manipulativ und insbesondere unehrlich genutzt, gerade im Fernsehen neigen sie dazu, reine Kopien eines von irgendeiner Instanz bestimmten Gedanken zu werden, sodass jeder Diskurs dem Tod geweiht ist. Doch zunächst sind sie für sich stehend. Es ist der Zuschauer, der sich traurigerweise in einem System einer aufgeblähten Sinnhaftigkeit ohne Sinn befindet, das sich das Wort nennt. Wo Bild und Musik universell und wahr sind, kann auch das Wort nur Wahrheit in der Sinnlichkeit erfahren. "Ich liebe dich" ist unbedeutend, wenn nicht auch Bild (Mimik, Gestik) und Musik (Klang) die Worte zum Fliegen (oder Absturz) bringen.

Dieser universell gültigen und damit überlegenen, dominanten Stellung des Bildes und des Tons waren und sind sich große Filmemacher im Laufe der Dekaden bewusst gewesen. Eisenstein, Hitchcock, Godard, Kubrick, Malick, Lynch, P.T. Anderson, Jodorowsky, Sorrentino sind nur einige große Vertreter (audio-)visueller Meisterschaft, die das Publikum zu Reaktionen zwingen. Was uns alle vereint, auf die eine oder andere Ausprägung, ist:


Wir lieben es, zu schauen.

- Nicolas Winding Refn

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