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Die wunderbare Varianz des Horrorgenres


"Ghost Stories"
© IFC Midnight
"Ghost Stories"

Allein im diesem Monat sind bereits drei starke Horrorfilme erschienen. „A Quiet Place“ von John Krasinski, „Ghostland“ von Pascal Laugier und „Ghost Stories“ von Andy Nyman und Jeremy Dyson. Gleichwohl alle drei Filme die Mechaniken des Genres exzellent beherrschen und verwenden, und obwohl „Ghostland“ und „Ghost Stories“ sich nicht nur in Titel, sondern auch in Schlusspointe enorm ähneln, sind es doch drei grundverschiedene Filme, die die Vielfalt des Horrorgenres fantastisch verdeutlichen.

Dies beginnt am offensichtlichsten bei den Inhalten. Der eine Film handelt von einer Familie, die umgeben von Monstern zu leben sucht, der andere von den Konsequenzen eines traumatischen Überfalls und der dritte von unerklärlichen Geistersichtungen. Sicher, diese Filme handeln in gewisser Weise alle von Traumata. Auf der anderen Seite aber verhandeln sie doch so unterschiedliche Themen. In „A Quiet Place“ geht es um Familie, in „Ghostland“ tatsächlich um Trauma und dessen Folgen und in „Ghost Stories“ um den Umgang mit Schuld. Das Horrorgenre kann wie kaum ein anderes eine unglaubliche Vielfalt an Themen abdecken; denn viele dieser Themen sind in seiner DNA verankert. Der Horror, die Angst, auf die das Genre sich stützt, kann durch die banalsten, aber auch durch die wichtigsten Dinge ausgelöst werden. Es kann eben, so simpel das auch klingen mag, alles beängstigend sein und deshalb gibt es prinzipiell keinen Stoff, der für das Horrorgenre nicht geeignet wäre.

Aber auch auf filmischer Ebene ist das Genre hochinteressant. Hier dienen ebenfalls die drei großen April-Schocker als wunderbare Beispiele. Sie alle drei verwenden klassische Genremechaniken; Jump Scares, unheimliche Geräusche, verheißungsvolle Kamerafahrten inklusive. Und doch sind die Unterschiede unübersehbar. „A Quiet Place“ spielt vor allem mit seiner Geräuschkulisse; es ist der Terror der Töne. „Ghostland“ hingegen ist ein hektischer Film; rasante Kamerafahrten; harte, kantige Schnitte und nur wenige ruhige, langsame Momente. „Ghost Stories“ als dritter im Bunde ist konträr dazu äußerst langsam, ruhige Kamerafahrten, ausführliche Überblicke über das Gebiet und selbst in der Hektik der Panik doch auf Ruhe bedacht.

Auch historisch betrachtet bestätigt sich das. Von den mystischen Abenteuern der Universal Monsterfilme der 30er und 40er Jahre, über den Suspense-Film der 50er Jahre, über den Bodyhorror und den italienischen Giallo der 70er Jahre bis hin zu den Slashern der 90er und den Found Footage Filmen der 00er Jahre und schließlich auch den drei April-Schockern 2018 ist das Horrorgenre so vielfältig, so kreativ, so zeitgemäß wie kaum ein anderes.

Seien es die Universal Monsterfilme, die sich in einer zunehmend komplexer werdenden Welt nach Einfachheit sehnten, oder eben die Bodyhorror-Filme, die besorgt auf wissenschaftliche Erkenntnisse blickten, oder die Slasher, die die Probleme einer jugendlichen Spaßgesellschaft skizzierten, die französischen „New Extremety“ Filme, die die Bestürzung über neuen Rechtsextremismus intensiv verdeutlichten oder eben die Horrorfilme der Gegenwart, die vom Schrecken des Alltags berichten. Horror ist ein Genre, dass sich schneller als jedes andere dem wandelnden Zeitgeist beugt. Horror ist ein Genre, dass sich mehr als jedes andere durch die vielfältigsten Themen definiert. Horror ist ein Genre, dass sich stärker als jedes andere filmisch kreativ ausleben lässt. Horror ist ein Sandkasten, eine Menge an Spielzeugen, in dem und mit denen sich Kreative voll und ganz austoben können. Herauskommen kann dabei schockierendes, provozierendes, aber auch zum lachen anregendes, zum nachdenken anregendes, genauso wie berührendes, zu Tränen rührendes.


Wer Horror, egal ob positiv oder negativ wertend gemeint, auf zwei oder drei Aspekte des Genres/einiger Genrevertreter reduziert, der tut diesem Genre massiv Unrecht. Und der verpasst etwas. Nämlich die wunderbare Varianz des Horrorgenres.


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