Der Han Solo-Film ist so atemberaubend wie ein perfekter Kessel Run


Solo: A Star Wars Story
© Walt Disney
Solo: A Star Wars Story
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Achtung, Spoiler zu Solo: A Star Wars Story: Womöglich war Rogue One: A Star Wars Story als Anthologiefilm die mutigste Entscheidung, die Lucasfilm seit der Übernahme von Disney getroffen hat, selbst wenn dieser mit seinem mitreißenden Finale unmittelbar im mindestens genauso packenden Opening von Krieg der Sterne mündete. Gerade im Hinblick auf die jüngste Meldung zum Boba Fett-Spin-off darf aber durchaus infrage gestellt werden, ob die anthologischen Erzählungen ihren Zweck nicht verfehlen, wenn sie sich weiterhin so stark an Figuren und Ereignisse aus der Original-Trilogie klammern, anstelle sich wirklich vom roten Faden der Skywalker-Saga zu entfernen und in die vielen verstecken Winkel der weit, weit entfernten Galaxis zu entführen, die wir bisher nicht auf der großen Leinwand gesehen haben. Solo: A Star Wars Story zeigt dennoch, wie ein Anthologiefilm auch im erwarteten Rahmen überraschen und begeistern kann.

Solo: Ein Film, der temporeich durch die Galaxis rast

Kein halbes Jahr ist seit dem letzten Star Wars-Film vergangenen. Anstatt Solo: A Star Wars Story im Dezember starten zu lassen, positionierte Lucasfilm das Spin-off inmitten eines heiß umkämpften Blockbuster-Sommers und hielt auch an diesem Termin fest, nachdem Phil Lord und Chris Miller als Regisseure gefeuert wurden. Nun ist es Ron Howard, der die Geschichte des jungen Han Solo (Alden Ehrenreich) trotz umfangreicher Nachdrehs pünktlich in die Kinos bringt und dabei Bemerkenswertes geleistet hat: Sein Debüt im Star Wars-Universum erweist sich entgegen der berechtigten Bedenken als runde Angelegenheit. Solo: A Star Wars Story wirkt wie aus einem Guss - und genauso temporeich rast der Film durch die Galaxis und macht dabei nicht nur Halt auf verschiedenen Planeten, sondern lässt sich ebenso von unterschiedlichen Genres inspirieren, die ihm im Star Wars-Franchise definitiv eine eigene Identität verleihen.

Bereits Rogue One profitierte von der Nische, die Gareth Edwards für seinen Star Wars-Film ausfindig gemacht hat. Als düsterer Kriegsfilm entworfen, konnte die Geschichte um Jyn Erso und die Todessternpläne dem Kampf der Rebellen-Allianz gegen das Imperium neue Facetten abgewinnen und sich trotz inhaltlicher Berührungspunkte stilistisch von den Episoden abheben. Solo: A Star Wars Story dringt nun ebenfalls in verschiedene Genres vor und entwickelt dabei seine eigene Verve. Am prominentesten wäre da der Heistfilm, der gleich mehrmals die Handlung bestimmt und nicht nur für aufregende Versatzstücke sorgt, sondern den späteren Werdegang der Figur angemessen vorbereitet: Als Schmuggler lernen wir Han Solo später zusammen durch Luke Skywalker und Obi-Wan Kenobi in der Mos Eisley Cantina kennen - der Ursprung ist nun ganz klar auf halsbrecherische Manöver über der Eiswelt Vandor und den Minen von Kessel zurückzuführen.

Solo: Ein Heist, der sich mit Elementen aus Western und Film noir mischt

Beiläufiger integriert Solo: A Star Wars Story Elemente aus dem Film noir und dem Western. Da wären etwa die Schatten, die sich am Ende sprichwörtlich über Qi'Ras (Emilia Clarke) Gesicht legen, nachdem sie den gesamten Film über bedrohlich im Hintergrund von einem großen Unheil kündeten. Der Western kommt derweil vor allem in coolen Einstellungen zum Tragen, die Hans Status als abenteuerlustigem Space-Cowboy manifestieren, und spiegelt sich - genauso wie der Film noir - im ständigen Misstrauen unter den Figuren wieder. Wenngleich gut gelaunte Dialoge und schlagfertige Oneliner das Drehbuch säumen, erzählt Solo: A Star Wars Story aus einer dreckigen Welt, in der niemandem über den Weg getraut werden kann. Die gesamte Galaxis scheint sich in einen feindseligen Ort verwandelt zu haben: Sowohl auf seinem Heimatplaneten Corellia als auch im Matsch von Mimban ist der junge Han Solo nicht willkommen und muss um sein Überleben kämpfen.

Solo: A Star Wars Story erweist sich dabei als einfallsreicher Film, um das Star Wars-Universum mit faszinierenden Schauplätzen zu bereichern und diese visuell eindrucksvoll zu gestalten. Drei exzellente Kameramänner durften den neuen Star Wars-Filmen bisher einen atemberaubenden Look verleihen. Bradford Young steht seinen Vorgängern in keinster Weise nach, sondern beschäftigt sich mit all den Details, die Welten schaffen und ein Gefühl von Geschichte vermitteln - Geschichte in dem Sinne, dass all diese Orte nicht erst existieren, sobald sie von den Figuren entdeckt werden, sondern schon lange davor da waren und dementsprechend ihre eigene Geschichte besitzen. Dabei zehrt Solo: A Star Wars Story nicht zuletzt vor der spannenden Kulisse des großen Umbruchs in der Galaxis: Obgleich das Imperium nicht im Vordergrund steht, ist der Aufstieg der Übermacht in jeder Faser des Films wie ein Dokument des Übergangs zu vernehmen.

Die heimlichen Momente im Hintergrund machen Solo so toll

Vom Glanz der alten Republik ist in Solo: A Star Wars Story nicht mehr viel übrig, die perfekt geordneten Uniformen aus späteren Kapiteln des Sternenkriegs sind allerdings auch noch weit entfernt. Stattdessen hechten Soldaten durch Schützengräben, während andernorts das Skelett eines Sternenzerstörers am Himmel prangt und von all dem Unheil kündet, das da noch kommen mag. Solo: A Star Wars Story ist extrem gut, solche Nuancen einzufangen, obwohl die eigentliche Geschichte einer Abfolge erwartbarer Ereignisse gleicht. Wo Star Wars 8: Die letzten Jedi schonungslos die Legenden und Mythen des Star Wars-Universums auf den Prüfstand stellte, folgt Han Solos Origin-Story einer Reihe absehbarer Momente, die auf den ersten Blick uninspiriert wirken. Gleichzeitig vermag es das Skript aus der Feder von Lawrence und Jonathan Kasdan, feine Akzente einzubauen, die bestimmte Entwicklungen doch in ein neues oder zumindest anderes Licht rücken.

Ein sehr schönes Beispiel hierfür ist das erste Aufeinandertreffen von Chewie und Han, das im Expanded Universe längst ausformuliert wurde und nun Gefahr läuft, diese einmalige Freundschaft endgültig zu entmystifizieren. Solo: A Star Wars Story gelingt es allerdings, mit ein paar feinen Anpassungen dieses unwahrscheinliche Kennenlernen in ein neues Licht zu rücken und die Freundschaft auf Augenhöhe zu etablieren: Chewie wird nicht mehr von Han gerettet und steht fortan in dessen Lebensschuld, sondern entkommt gemeinsam mit ihm aus einem finsteren Verlies, das für beide früher oder später den Tod bedeutet hätte. So vertraut sich Solo: A Star Wars Story in Teilen anfühlen mag, Ron Howard hat schlussendlich doch einen Film geschaffen, der es fortlaufend versteht, zu überraschen. Zwar sind es nicht die großen Gesten, die verblüffen, dafür aber die vielen kleinen, die definitiv eine Argument für das Anthologie-Konzept liefern.

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