Der Erfolg von Avengers: Infinity War ist auch ein bisschen eklig


Die Schlachtplatte Infinity War
© Walt Disney
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Hält sich jung mit Coming-of-Age-Filmen.

Das Marvelpublikum ist über Avengers 3: Infinity War nur so hergefallen. Als hätte es, wie früher üblich, jahrelang auf eine Fortsetzung warten müssen. Dabei erschien Black Panther, auch ein globaler Milliarden-Erfolg, kaum zwei Monate früher. Hier und da lief er zum Infinity War-Start noch in den Kinos. Zuschauer konnten, wenn sie es richtig anstellten, von der Post Credit-Szene in Black Panther direkt in den Infinity War ziehen. Der unstillbare Appetit auf Marvel-Filme ist also nicht auf einen quälenden Mangel zurückzuführen, sondern auf Gier, maßloses Verlangen, das nach seiner Befriedigung sogleich wieder aufflammt.

Das Verhalten des Marvel-Publikums nach dem Start von Avengers: Infinity War erinnerte an ein Naturphänomen, das vor allem in Afrika und Australien auftritt. Alle paar Jahre versammeln sich hier riesige Wanderheuschreckenschwärme, die über das Land, von Feld zu Feld, hinwegziehen und Chaos, Verderben und Abgenagtes hinterlassen. Im Fernsehen sehen wir danach erschöpften Einheimischen dabei zu, wie sie die toten Insekten zu großen Haufen zusammenfegen und in Mülleimer schaufeln - wie Multiplex-Personal, das am Ende eines Milliarden-Blockbusters kiloweise verschüttetes Popcorn aus den Sitzreihen schürft. Mit einer großen Portion Verachtung wahrscheinlich und wer könnte es ihnen verdenken.

Die Infinity War-Zahlen sind bar jeder Vernunft

Das Blockbuster-Kinopublikum frisst nur dann, wenn es ihm schmeckt. Halb abgekaute Torsos lässt es links liegen, wenn sie faulig riechen. Das abwartende Publikum schaut sich das genau an und zieht sich gegebenenfalls abgeschreckt zurück. So bleibt das eine Tentpole bei 600 Millionen Dollar hängen, während das andere wie Avengers: Infinity War diesen Betrag schon nach einem Wochenende einspielt und später mit Leichtigkeit verdoppelt.

Bei den Zahlen, die Avengers: Infinity War jetzt jeden Tag in die Kinocharts-Artikel druckt, wird einem ganz anders. 1,16 Milliarden frische Dollar lagen nach dem zweiten Wochenende auf dem Marvel-Konto, und das noch ohne die Unterstützung der 1,4 Milliarden Chinesen, die immer kinofreudiger werden. Dieser sprudelnde Erfolg ist abstoßend, wie er Disney einfach so in den Schoß zu fallen scheint, was natürlich nicht stimmt. Das Marvel Cinematic Universe (MCU) erfordert harte, sorgfältige Arbeit und Organisation. Und es hat treue, liebende Fans. Die nie dagewesene Ballung an Zuschauern oder dem, was sie repräsentiert (Geld) wirkt hier so abstoßend. Masse alarmiert. Wenn alle Helene Fischer, der CDU, dem FC Bayern oder etwas noch Schlimmerem hinterherlaufen, rümpfe ich erstmal die Nase.

Die leidenschaftlichen Fans spielen in der Beschreibung des MCU-Erfolgs keine Rolle. Der wird in Dollars gemessen, nicht in Kinogängern, und damit zu einer abstrakten Größe. Bewertungsportalen wie Rotten Tomatoes oder Meta Critic kommt in dieser verkürzten kollektiven Genussphase eine immer größere Bedeutung zu. Die Qualität von Infinity War, also das numerisch darstellbare Fan-Gefallen, wird hier auf einer Prozent-Skala eingeordnet: eine kalkulierte Schau-Empfehlung so kühl wie ein Aktienkurs.


Avengers 3 wird konsumiert, nicht genossen

Der Erfolg von Avengers 3 spiegelt sich auch in einer kunst-entfremdeten Rezeption wieder. Avengers 3 wird konsumiert, verschlungen, nicht genossen. Der New York Times-Kritiker A.O. Scott verzweifelte in seinem durch und durch seufzenden Text vor der Spoiler-Angst der MCU-Fans und dem Versagen (s)einer Kritik darin, ästhetische Urteile zustande zu bringen. Vorab-Kritiken zu Avengers 3, schrieb er, mussten sich dem Dienst unterwerfen, den Film auf seine Unterhaltsamkeit zu prüfen. "Es ist wichtig, hier festzustellen, dass die Ankunft von Marvel [...] die Parameter der [Film-]Kritik verengt hat. Ich soll Ihnen in dieser Review sagen, wie viel Spaß Sie mit Infinity War haben werden. (Ja, Sie werden Spaß haben. Werden Sie genug Spaß haben? Nahezu.)" Urteile zur Unterhaltsamkeit sind immer abgegrenzt von einem größeren künstlerischen Zusammenhang, einem zeitlichen Kontext, in den ein Film ja eigentlich eintreten sollte.

Scotts Verdruss ist nachvollziehbar. Die Kritik gleitet seit Jahren am wie geschmiert laufenden MCU-Filmen ab. Versuche, es zu durchdringen, finden dort, wo sie gelesen werden würden, nicht statt. Das war zuletzt bei Star Wars 8 anders, weil der Film sein Publikum aufforderte, über das nachzudenken, was es da in sich hineinstopfte. Ganz anders Avengers: Infinity War. Ist das Ding in den Kinos gelaufen, geht es sofort um das Geld und die Zahlen (auch der Toten und vielleicht Toten). Und ja, ich weiß, bei uns ist das mitunter auch so.

Wie die Bibel wird Infinity War nur inhaltlich kritisiert. Wenn es um Avengers: Infinity War und das MCU geht, erwartet niemand ernsthaft eine ästhetische Kritik. Niemand fragt danach. Das war schon immer so. Da ist schon was dran, wenn Marvel-Skeptiker amerikanischen Kritikern Beliebigkeit in der Beurteilung eines neuen MCU-Films vorwerfen.

Das MCU ist eigentlich kein Kino, sondern Fernsehen

Todd VanDerWerff von Vox findet, dass Avengers: Infinity War in seinem Aufbau einer Serien-Staffel gleicht, was sich sogleich auf das gesamte MCU übertragen lässt, das sehr linear Partikel an Partikel knüpft. Auch die Infinity War-Regisseure Anthony und Joe Russo begreifen sich als die TV-Regisseure, die sie ja schließlich sind. Sie sind nicht durch die Independent-Schule gegangen, wo Regisseure Filmvokabular- und Grammatik verinnerlichen, wie etwa Ryan Coogler (Black Panther) oder der Star Wars 8-Regisseur Rian Johnson. Sie sind Fernsehleute und im Fernsehen wird von Regisseuren eher Organisation gefordert als Gestaltung. Genauso bei Infinity War.

Die Kritik nimmt die Leistung der Russos bei Avengers: Infintiy War im Gegenschluss eher über deren beachtliche Fähigkeiten in der Koordination eines riesigen Heldenpools wahr. Die Organisation dieser logistischen Mammutaufgabe wird stets gelobt und respektiert.

Nötig werden diese Fähigkeiten aber überhaupt erst, weil Avengers: Infinity War eine Schafherde aus Superhelden in 150 Filmminuten schleusen musste. Masse, nicht Substanz lädt den Film mit Bedeutung auf. Und Masse ist sein Ertrag. Es genügt nicht, drei Mal im Jahr eine Schlachtplatte vorgesetzt zu bekommen, sie muss auch mit jedem Mal größer und fetter werden. So fügt sich der galoppierende Infinity War-Erfolg auch in den maßlosen Post-TV-Serienkonsum. Folge nach Folge spritzen sich Netfixer hier hinein. Da wird selbst eine zweimonatige Pause wie zwischen Black Panther und Infinity War zu einem Jahrhundert des Fastens.

Marvel-Detoxen wäre jetzt irgendwie angebracht. Etwas Achtsamkeit und Abstand, Trauer mithin. Aber der Schwarm zieht schon weiter zum nächsten Teil. Das MCU gönnt seinen Zuschauern keine Pause. Auch Avengers: Infinity War endet mit einem Vorblick auf Captain Marvel.

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