Deadpool 2 ist nicht so mutig und radikal, wie er gerne wäre


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© 20th Century Fox
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"I read about this guy, gets on the MTA here, dies. Six hours he's riding the subway before anybody notices his corpse doing laps around L.A., people on and off sitting next to him. Nobody notices."

Achtung, Spoiler zu Deadpool und Deadpool 2: Deadpool 2 ist kein schlechter Film. In der Fortsetzung des massiven Erfolgshits Deadpool von 2016 drücken die Drehbuchautoren Rhett Reese, Paul Wernick und Hauptdarsteller Ryan Reynolds wieder die gleichen Knöpfe, die sie auch schon für Teil 1 gedrückt haben. Dadurch ist eine Fortsetzung entstanden, die nach dem altbekannten Prinzip "Mehr vom Gleichen" gestrickt wurde und definitiv für kurzweilige Unterhaltung sorgt. Dieser Ansatz, bei dem sich die Verantwortlichen erneut auf dieselben Erfolgsfaktoren wie schon beim Vorgänger verlassen, fördert allerdings eine Struktur an die Oberfläche, die deutlich mit dem gewollten Charakter der Deadpool-Reihe in Konflikt gerät.

Alleine die (bei einem aktuell weltweiten Einspielergebnis von gut 783 Millionen Dollar nachvollziehbare) Entscheidung, sich dem Franchise-Wahn so bereitwillig zu beugen und sich dem Hollywood-Trend der Fortsetzungen anzuschließen, erscheint wie ein Schritt, gegen den sich die Figur Deadpool eigentlich mit allen Kräften wehren müsste. Diese Entscheidung, überhaupt ein Sequel zu realisieren, ist jedoch nur ein Aspekt, der dazu führt, dass Deadpool 2 leider wieder nicht so anarchisch und subversiv geworden ist, wie er von den Verantwortlichen hinter dem Film gerne präsentiert wird. Auch darüber hinaus wird der Film unter Betrachtung der Handlungsstruktur, die ähnlich gelagert ist wie in Teil 2, seinem Anspruch nicht gerecht.

Deadpool als romantische Komödie

Mit einer Mischung aus überzogener Selbstironie, Meta-Verweisen quer durch das eigene Comic-Universum und blutiger Action mit R-Rating sollte die erste Verfilmung der Deadpool-Comics die üblicherweise zahmen Konventionen von Comic-Blockbustern wie die Filme des Marvel Cinematic Universe (MCU) gehörig auf den Kopf stellen. Dabei ging der Streifen von Tim Miller tatsächlich weiter als vieles, was ansonsten im Genre der Comic-Verfilmungen zu sehen ist. Von plumpem Fäkalhumor über bösartigen Slapstick bis hin zu bissigen Popkultur-Referenzen reichte die Bandbreite, die der spezielle Humor in Deadpool produzierte. In Kombination mit diversen abgetrennten Körperteilen und anderen Brutalitäten fühlte sich der Film bisweilen tatsächlich wie die vergiftete, ungezähmte Mutation eines glatten, harmlosen Blockbuster-Spektakels an.

Und doch ist es dem Antihelden in Deadpool nie ganz gelungen, sich den simpel gestrickten Handlungsstrukturen gängiger Mainstream-Produktionen zu entziehen und somit dem zu verfallen, was der Film eigentlich so scharf kritisieren sowie überspitzt aufs Korn nehmen wollte. In der Marketing-Kampagne zum Film, die durch aus mit einigen wirklich cleveren, unterhaltsamen Ideen gespickt war, wurde etwa im Vorfeld ein Fake-Poster veröffentlicht, das Deadpool pünktlich zur Veröffentlichung in den USA am Valentinstag als romantischen Liebesfilm anteaserte:

Blendet man die humorvoll überzogenen sowie betont gewalttätigen Aspekte von Tim Millers Film aus, dann ist dieses Poster vom Kern des Films nicht weit entfernt. Neben der konventionellen Origin-Story, in der sich der an Krebs erkrankte Söldner Wade Wilson nach einem Laborversuch in den Mutanten Deadpool verwandelt, geht es in dem Film vor allem auch immer wieder um die Beziehung zwischen Wade und seiner Freundin Vanessa. Trotz der Tatsache, dass Deadpool als zynischer, brutaler, politisch unkorrekter Antiheld dargestellt wird, machen die Drehbuchautoren nie einen Hehl daraus, dass hinter der harten Schale trotzdem ein weiches Herz schlägt, das sich nach der Liebe einer Frau sehnt. In einem Interview zu Deadpool 2 für Entertainment Weekly räumte Ryan Reynolds ein, dass er Deadpool selbst als Liebesfilm betrachten würde, der sich als Comic-Film verkleidet hat.

Eine Betrachtungsweise, die grundsätzlich legitim ist. In Bezug auf einen Superhelden-Film, der mit sämtlichen Konventionen und Sehgewohnheiten brechen will, mutet diese Aussage aber durchaus fragwürdig an. So lässt ein zweiter Blick auf das Valentinstag-Poster von Deadpool den Marketing-Gag auf einmal doch gar nicht mehr so absurd erscheinen.

Deadpool 2 als gefühlvoller Familienfilm

Während in Teil 1 die Thematik der Liebe als Motiv im Hintergrund verankert war, dreht sich in Deadpool 2 alles um das Thema Familie. Zwischen Wade und Vanessa, die zu Beginn des Films ihren Jahrestag feiern, steht der Wunsch nach Kindern im Raum. In einer tragischen Wendung fällt Vanessa jedoch einem Angriff von Gangstern zu Opfer, die die Wohnung des Pärchens stürmen und Wades Freundin mit einem Schuss tödlich verwunden. In seiner Deadpool 2-Kritik für Esquire kritisiert der Autor Tom Nicholson diese Handlungsentwicklung als überholte Trope, die auf misogyne Weise darauf abzielt, dass eine Frau in der Geschichte nur dazu da ist, sterben zu müssen, damit dem trauernden Helden eine Motivation für seine Taten gegeben wird. Es ist außerdem eine Trope, die nur allzu gerne in Comic-Verfilmungen verwendet wird. Das Genre, dem Deadpool 2 angehört und das er angeblich so radikal gegen den Strich bürstet.

Überaus familiär ist dagegen auch die Motivation des anfänglichen Bösewichts Cable angelegt, der aus der Zukunft in der Zeit zurückgereist ist, um den jungen Mutanten Russell zu töten. Während der Cable aus den Deadpool-Comics eine recht verstrickte Hintergrundgeschichte vorzuweisen hat, wird die Motivation von Cable in Deadpool 2 ebenfalls mit dem Motiv der Familie begründet. Da Russell in der Zukunft seine Kräfte nicht mehr unter Kontrolle hat und fatal wütet, fällt Cables ganze Familie dem Mutanten zum Opfer. Daher ist der Bösewicht, der sich später auf Deadpools Seite schlägt, gewissermaßen ein Spiegelbild des Antihelden, der in der Fortsetzung eine intakte Familie anstrebt.

In Russell, den Deadpool vor Cable beschützen will, findet der Antiheld schließlich den Ersatzsohn, den er zusammen mit Vanessa nicht mehr haben konnte. Neben all den parodistischen Gags, selbstreferenziellen Querverweisen und ultrabrutalen Einlagen geht es in Deadpool 2 also primär darum, als möglicher Familienvater Verantwortung für den Nachwuchs zu übernehmen. Als große, harmonische Familie schreiten die verbliebenen Figuren dann auch im Finale davon. Die größte Inspiration für die Geschichte des Films war seine Ehefrau Blake Lively, mit der er zwei Töchter hat, sagt Hauptdarsteller und Co-Drehbuchautor Ryan Reynolds im Gespräch mit Vanity Fair. Dass Liebe und Familie die größte Inspiration für einen Film sind, mag eine schöne Anekdote sein.

Dass es sich hierbei um Deadpool 2 handelt, der sich so vehement als gewitzte Dekonstruktion des Superhelden-Films geben will, ist aber lediglich der finale Beweis dafür, dass diese Filmreihe auch nach zwei Teilen weiterhin dem eigenen Potential hinterherhinkt, wirklich schmerzhaft zuzubeißen anstatt immer nur kurz die Zähne zu zeigen. Vielleicht wäre der unerwartetste Schachzug, den Deadpool vollbringen könnte, um den eigenen Ansprüchen doch noch gerecht zu werden, in gar keiner Fortsetzung oder einem möglichen Spin-off aufzutauchen und dem eigenen Filmuniversum den Rücken zu kehren. Der Deadpool aus den Comics wäre sicherlich dankbar.

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